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Und weil es so schön war, hier noch ein bisschen Text aus dem Buch. Und ich kenne das Ende schon.
Mittwoch, 22.Juni 2005
Berlin, Kampa im WBH, SPD-Parteivorstand
Forsa-Umfrage:CDU/CSU: 49 Prozent, SPD: 26 Prozent
Man hat uns bei lebendigem Leib begraben. Wir klopfen,
rufen, ringen nach Luft und kratzen mit zersplissenen Fingernägeln an stumpfem Holz. Niemand hört uns. Unsere Kampagne wird für tot erklärt, bevor sie geboren wurde. Von den Menschen im Land, den eigenen Anhängern, der Presse und am schlimmsten noch – vom Gegner. Wir sind Geschichte. Trostloser als der Alexanderplatz, staubiger als das ZDF, toter als tot. 23 Prozent liegen zwischen uns und der Union, CDU/CSU hätten die absolute Mehrheit der Sitze und in elf Wochen wird gewählt.
Im Magazin der ›Süddeutschen‹ fragt man, ob die Nachfolgerin wohl etwas mit dem Baselitz im Kanzlerbüro anfangen könne. Sie diskutieren, welche Bilder sie aufhängen wird – nicht, ob sie überhaupt reinkommt. Das ist gesetzt. Vielleicht lassen sie die Leser auch noch abstimmen, welches Kleidchen sie beim Einzug tragen soll. Wir, so viel steht für alle fest, sind raus aus dem Spiel.
Aber noch haben wir das Kanzleramt.
Und wir sind nicht irgendwer.
Wir sind die besten Wahlkämpfer im Land.
Uns jagt man nicht vom Hof.
Uns ignoriert man nicht.
Wir haben zehn Wochen.
Wir haben 26 Millionen.
Und wir haben IHN.
Die größte Rampensau der Republik,
bis zur Halskrause voll mit Testosteron.
Now fuck off
Ein Monat zuvor
Sonntag, 22.Mai 2005,Düsseldorf, Staatskanzlei
Wahltag in NRW:CDU: 44,8 Prozent, SPD: 37,1 Prozent
Wir haben NRW verloren. Nach fast vierzig Jahren. Im Düsseldorfer Stadttor, dem gläsernen Palast, in dessen oberen Stockwerken der Ministerpräsident das Landes Nordrhein-Westfalen residiert, verlieren sich die letzten Getreuen. Der Blick aus der Staatskanzlei ist großartig. Über die Uferpromenade, die Altstadt, hinaus nach Oberkassel und auf die Ausflugsdampfer auf dem Rhein. Heute fliegen wir hier raus. Ich hasse es zu verlieren. Es tut mir nicht weh, es tut mir nicht leid, es ist nicht schade oder einfach nur scheiße. Nein, ich hasse es aus ganzem Herzen und mit meinem ganzen Körper, der sich mit Hautausschlägen solidarisiert. Dennoch ziehe ich in Schlachten, die nicht zu gewinnen sind. Das war eine davon. Aber schließlich ging es um NRW und da kneift man nicht. Um die Bedeutung von NRW für die Politik zu verstehen, muss man die Bedeutung dieses Bundeslandes für die Republik verstehen. Es ist das Bundesland der Superlative. Ein Staat im Staat. Fast 18 Millionen Einwohner, Heimat für 10 von 30 DAX-Konzernen, 29 von 80 deutschen Großstädten, ein Bruttoinlandsprodukt, das NRW alleine in die Top 20 der größten Wirtschaftsnationen der Welt katapultiert – noch vor Schweden, Polen oder Argentinien. Bayer, Deutsche Post AG, Deutsche Telekom, E.ON, Metro, REWE, RWE oder auch die deutschen Zentralen von BP, 3M, Ford, LG und Vodafone und viele mehr sorgen für 22 Prozent der deutschen Wirtschaftskraft – den Rest teilen sich die anderen 15 Bundesländer. Die Schlacht um NRW ist die größte Schlacht zwischen zwei Bundestagswahlen.
Wir haben sie verloren, zum ersten Mal seit 39 Jahren und noch nicht einmal knapp. Die Stimmung oben im Glaspalast ist ruhig, gefasst und gespenstisch. Natürlich waren wir alle vorbereitet gewesen, irgendwie. Aber als gegen 16:30 die ersten Zahlen durchsickern, war das doch etwas anderes. Ministerpräsident Peer Steinbrück schüttelt Hände, ich murmele irgendwas in der Richtung von »an dir hat es nicht gelegen«, er murmelt etwas Ähnliches zurück. Dann zieht er sich zurück, um sich vor dem Interviewmarathon noch ein bisschen sammeln zu können. Wir haben einen harten Kampf geliefert, aber es hat nicht gereicht. Mehr war einfach nicht drin gewesen. Jetzt heißt es für die gesamte Führungsetage: Schreibtisch räumen. Aber zuvor müssen noch die quälenden Tage bis zum Einzug der Nachfolger überstanden werden. Dead men walking. Gestern noch die Top Player im größten Bundesland, morgen nahezu bedeutungslos. Demokratie ist eine tolle Sache. Wenn man zu denen gehört, die einziehen.
Mein Weg führt jetzt zur Wahlparty der NRW-SPD im Apollo-Theater unter der Rheinkniebrücke. Dort ist auch schon durchgesickert, dass es nichts zu feiern gibt. Mit schalem Bier, schlechter Laune und kalten Würstchen sacke ich in roten Plüsch. 2005 ist das Jahr, das ich nicht brauchte. Mein Vater ist vor acht Wochen an einem Hirntumor gestorben. Fast zwei Jahre hatte der Kampf angedauert mit Höhen und Tiefen, Hoffnung und Verzweiflung. Der Anruf meiner Schwester Susanne erreichte mich mitten im Schnitt des Steinbrück-TV-Spots. Die 300 Kilometer nach Hause schaffte ich nicht mehr rechtzeitig. Als ich im Krankenhaus eintraf, gab meine Mutter Papa gerade den letzten Kuss. »Er ist so kalt wie nach einem Tag auf Skiern, wenn er in die Stube kam und mich küsste«, sagte sie noch. Dann machten wir uns auf den Weg in unser Haus ohne Hüter.
Das kommt mir gerade jetzt in den Sinn. Eine Kamera filmt mich und den Rest des Abends werde ich als »enttäuschter
SPD-Wahlkämpfer« mit meinem resignierten Gesicht Sendeminuten füllen. Ausgerechnet ich, der immer auf die leeren Gesichter an Wahlabenden geschimpft hat. Wenn man verliert, zeigt man es nicht. Nach der Wahl ist vor der Wahl, und wenn man schon sonst nichts hat, dann wenigstens seinen Stolz. Um 18:28 erklärt der Parteivorsitzende der SPD, Franz Müntefering, dass Bundeskanzler Gerhard Schröder Neuwahlen zum Deutschen Bundestag anstreben wird.
Ich dachte, es sei der schwärzeste Tag meines Lebens. Aber ich war noch jung.
Dienstag, 24.Mai,10:00 Uhr
Berlin,WBH, SPD-Parteivorstand
Der gläserne Doppelaufzug im Willy-Brandt-Haus ist der letzte Ruhepol in einer immer hektischeren Zeit. Er ist, wahrscheinlich mit Stolz, der langsamste Aufzug der Welt. Wer nicht unbedingt in den sechsten Stock will, nimmt besser die Treppe, wenn er heute noch was zu erledigen hat. Es ist der Dienstag nach der NRW-Wahl und ich sitze im Büro von Kajo Wasserhövel, dem Bundesgeschäftsführer der SPD. Er hatte noch am Sonntag bei mir angerufen und nun sprechen wir gemeinsam mit seiner Vertrauten Svenja Hinrichs darüber, wie man mit diesem Wahlkampf umgeht, den es vor 48 Stunden noch nicht gab.
Tatsächlich sprechen wir über eine Wahl, von der noch nicht einmal feststeht, ob sie stattfinden wird. Ein amtierender Bundeskanzler mit einer parlamentarischen Mehrheit will Neuwahlen. Dem müssen am 1. Juli erst der Deutsche Bundestag, dann das Bundesverfassungsgericht und schließlich der ebenso unerfahrene wie überraschte Bundespräsident zustimmen. Das bedeutet auch, dass in einer politisch hoch aufgeladenen Zeit »offiziell« kein Wahlkampf gemacht werden kann, da die SPD als Regierungspartei natürlich die Entscheidungen der Verfassungsorgane abwarten muss – alles andere wäre respektlos. Oder würde sogar Ablehnung provozieren.
Dennoch: Wir gehen davon aus, dass spätestens im September gewählt wird.
Aber wer um Himmels willen sollte einen Bundeskanzler wählen, der dem Volk soeben seinen Rücktritt eingereicht hat?
Wird er überhaupt antreten? Und wie reagiert die Basis darauf, die man für einen Wahlkampf braucht? Also die hunderttausende freiwilligen Helfer, die eine Kampagne überhaupt erst auf die Straße bringen.
Hier könnt ihr die Leseprobe als *.pdf herunterladen.
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