Die Sache mit dem digitalen Anscheissen.

Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass ich gescheitert bin. Dass ich das, was ich gemacht habe, als digitale Notwehr betrachte. Aber es ist der dümmstmögliche Ansatz. In Wirklichkeit der unsympathischste. Ich, die Petze. Aber guess what: It fucking works! Warum das so ist, möchte ich nur ganz kurz mal runterschreiben.

Darum geht’s:

Mach dein Nazikommentarproblem zu deren Problem.

Ein von mathiasrichel (@mathiasrichel) gepostetes Foto am

Vor zwei Tagen habe ich folgendes Posting auf Facebook

Schnell mal zusammengegoogelt: Nur falls das jemand gerade zufällig schon wieder vergessen haben sollte. Ist ja schon lange her.

Posted by Mathias Richel on Montag, 27. Juli 2015

und Twitter geteilt:

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Und wie man an den RT, Shares und Likes sehen kann, das hat ganz schön drive bekommen.

Was sichtbar wird, zieht die Menschen an. Zumal im Netz, wo sich jede Diskussion das eigenen Publikum sucht. Nun ist natürlich vollkommen klar, warum diese Postings und mein Kommentar so abgehen: Inmitten einer aufgehitzten Debatte, die täglich in den Medien und von brennenden Flüchtlingsheimen angeheizt wird und auf die die Politik kaum Antworten findet (IMHO weil sie sich nicht traut, oder es verlernt hat), ist so ein, in bestem Sinne populistisches Posting, natürlich Treibstoff, wenn die eigenen Gewissheiten hinterfragt werden.

Es dauerte nicht lange und natürlich meldeten sich die zu erwartenden Stimmen, die fernab von jeder sachlicher Kritik an der Asylpolitik, vor allem ihrem Stolz Ausdruck verleihen wollten, den sie einzig aus der Gnade ihrer deutschen Geburt ableiten und allen anderen, nennen wir es mal, eine auf Anstand, Respekt und Augenhöhe basierenden Kommunikation und Behandlung versagen wollten. Community ManagerInnen aller Gattungen kennen diese prototypischen Erscheinungsformen.

Natürlich ist es einfach eben solche Kommentare zu löschen und die Absender zu blocken. Nur, was bringt das wirklich? Ich behaupte nichts. Die Geblockten fühlen sich bestätigt im geblockt werden und ich habe einfach wahnsinnig viel zu tun damit und in Wirklichkeit doch so viele bessere Sachen, die ich erledigen könnte.

Warum toben sich eigentlich so viele Menschen im Netz aus? Warum eskalieren Einzelmeinungen so stark, die man in einem Vieraugengespräch relativieren oder zumindest sachlich erötern könnte, vielleicht sogar mit (Achtung: KRASS!) gegenseitigen Erkenntnisgewinnen, die zum punktuellem Umdenken führen könnten?

Ich glaube fest daran, dass das die negativen, verstärkenden Effekte der eigenen Filterbubble sind, in die nur Menschen und Meinungen Zutritt bekommen, die die eigenen Meinungen reflektieren und belohnen. Durch Followings, Freundesanfragen, Likes, Faves, RTs etc. Aber dieses Belohnungssytem schleift sich irgendwann ab, man formuliert zunächst pointierter, dann deutlicher, irgendwann krasser und bald schon vollkommen vernunftsbefreit. Die eigene Filterbubble wirkt dort wie ein digitaler Schutzraum, voll mit Bestätigung und total entkoppelt von der Wirklichkeit, die sich ja vor allem oftmals darüber definiert, dass sie sich aus unterschiedlichen Kräften, für und widers, ja und nein, usw. generiert.

Jede Meinung, die dann plötzlich abweichend vom Common Sense der eigenen Filterbubble formuliert, in sie eindringt, muss bekämpft werden. Der Schutzraum wird verteidigt. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Löschen und blocken bringt also gar nichts, denn das würde nur den effektlosen Rückzug in die eigene Bubble bedeuten, in der es vor Bestätigung nur so wimmelt. Deshalb funktionieren die Pegida-Facebookseite und andere als Organisations- und Deutungsraum so gut, weil diese weitgehend befreit von Gegenrede bleiben. Irgendwann platzt der Raum und es drängt in die Wirklichkeit und Politik und Medien zeigen sich überrascht, woher plötzlich diese Bewegungen herkommen. Dabei ist die Antwort leicht: Sie greifen eine Tendenz auf, multiplizieren sie durch Masse im Netz, formieren sich über gegenseitige Verstärkung (ah, ich bin doch nicht allein), motivieren so auch unentschlossene (endlich trauen sich welche, was ich mich bisher selbst nicht traute) und kanalisieren bei vielen ein Gefühl, das bisher noch nicht verortet war, außer dass sie sich nicht ernst genommen fühlen. Dann bricht das irgendwann auf. Im Grunde kann man das mit jeder Tendenz durchspielen, aber natürlich bieten radikale Richtungen dafür mehr Potenzial, weil sie in der Mitte der Gesellschaft kein Gehör finden oder aus sie heraus gedrängt werden. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Aber zurück zu den Facebook-Kommentaren und warum diese Taktik (bisher) funktioniert:

Wenn das ignorieren, löschen und blocken nicht funktionieren, muss man konsequenter denken und versuchen, die Filterbubble einzureissen. Und das ist natürlich leicht: Verknüpft man reale Lebenswelt mit Onlineauftritt ergeben sich plötzlich interessante Einsichten, denn den meisten Menschen ist klar, dass der sich verstärkende Mechanismus der Filterbubble keinerlei Exitenzberechtigung im normalen menschlichen Miteinander hat. Dort, wo es einem persönlich betrifft: Am Arbeitsplatz, im Klassenzimmer, auf Familienfesten. Dort gibt es nicht nur keine Likes, sondern auch Gegenrede und vielleicht sogar ernsthafte Konsequenzen. Im Grunde ist das auch allen vollkommen klar, nur verhindert oftmals der Schaum vor dem Mund, die klare Sicht auf das eigene Verhalten.

Diesen kurzen Moment der Reflektion: Ist mir jetzt dieser Kommentar wert, dass ich mich dafür in meiner sozialen Wirklichkeit der Offline-Welt für rechtfertigen möchte, dieser kurze Moment der Reflektion stoppt schon viel unsägliches.

Denn eines ist klar: Die Debatte um die „Anonymität im Netz“ ist nicht nur falsch sondern auch gefährlich, mit der PolitikerInnen aller Parteien diese Entwicklungen als nichtig, weil nur im Netz und dadurch nicht relevant abtun.
Das Internet ist aber einer der zentralen Organisationsräume unserer Gesellschaft geworden, Meinungsbildung findet hier in Sekundentaktung statt. Die Menschen sind nicht anonym, auch wenn ich ihren Namen nicht kenne. Alle haben soziale Verbindungen im Netz, die ihr offline Leben reflektieren. KollegInnen, Vorgesetzte, MitschülerInnen, Freunde, Familie etc. Damit ist man sicht- und identifizierbar. Diesen Fakt den Menschen ins Bewusstsein zu rücken und das einmal deutlich zu formulieren, wo sie es in ihrer gemütlichen Filterblase vielleicht vergessen haben, das ist ein wirkungsvoller Hebel.

Aber wie ich schon sagte: Es ist unsympathisch. Es fühlt sich nicht gut an. Aber für mich ist das digitale Notwehr. Ich möchte nicht ausblenden, durch löschen und blocken. Ich möchte, dass wir alle unsere Handlungen reflektieren. Und ich tue mich ernsthaft schwer mit dieser Entwicklung, die ich selbst jetzt ausgenutzt habe. Aber wenn wir von der digitalen Gesellschaft sprechen, müssen wir das endlich weitgehend von technisierten Debatten entkoppeln und soziologische Aspekte viel stärker einbinden und nutzen.

Der Welpenschutz ist vorbei. Und das gilt für alle Beteiligten.

Die harmonisierte Republik – Warum wir unbeweglich bleiben wollen

Spitzmarke:
Der Ausgangstext zu diesem Beitrag liegt schon seit 13 Monaten hier in den Entwürfen und dort liegt er auch immer noch. Ich habe mich verzettelt, weil mir das Thema zu groß erscheint. Aber das #NetzfragtMerkel-Interview von LeFloid mit der Kanzlerin und die mediale Rezeption davor und danach hat mich angespornt, das einmal runter zu brechen. Vielleicht reicht die Motivation danach, um das noch einmal richtig auszurollen. So here we go.

tl;dr
Wir Deutschen sind auf breiter Front harmonisiert worden. Wir werden ruhig gehalten, asymetrisch demobilisiert. Weil wir es so wollen. Wir delegieren gesellschaftliche Verantwortung an die Politik und Medien. Wir wollen keine Veränderung, Sicherheit ist uns gut genug und vertrauen denjenigen, die uns diese versprechen.

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Die Annahme

Ich habe keinerlei wissenschaftlichen Hintergrund, keine Studien, um etwas zu belegen, einzig Erfahrungswerte aus 14 Jahre Kommunikationsarbeit, einen wesentlichen Anteil davon in der politischen Kommunikation. Man wird mich also widerlegen können, ganz unbedingt sogar widersprechen, worum ich hier auch explizit bitte.

Um sich diesem Thema zu nähern, ist es zunächst einmal wichtig, sich ein Bild vom wirklichen Durchschnittsdeutschen zu machen. Elitäre Twitter- und Blogdiskurse führen dabei komplett in die Irre, vergangene Facebook-Phänomene wie „Wir wollen Guttenberg zurück“ schon eher auf die richtige Spur.

Wenn man sich umhört und einliest, interpretieren die meisten Deutschen die hohe Komplexität der politischen Themen, der Globalisierung, der Digitalisierung, das mediale Dauerfeuer und der hohe Konsumdruck als Bedrohung, gar als Gefahr. Nicht lebensbedrohlich verstanden, sondern als eher tiefen Eingriff in die Privatsphäre und der persönlichen Identifikation in der Gesellschaft. Diese permanente Befeuerung suggeriert Veränderungen und die damit verbundenen Risiken, dabei gibt es nichts mehr, dass die Deutschen am liebsten vermeiden und ausschließen würden. Im tagtäglichen Leben gilt zumeist: Konfrontation vermeiden. Es wird nicht gesprochen im Fahrstuhl!

Dass man sich für irgendetwas rechtfertigen muss, gilt als reale Angst, stattdessen sucht man sich die Bestätigung im Freundeskreis, dass man mit seinen Ansichten richtig liegt. Bitte like meine Meinung! Akzeptanz ist ein riesiger Antriebsfaktor, also wird man eher mit dem Strom schwimmen, als anzuecken. Daraus resultiert auch ein sehr starkes schwarzweiß denken, was einen immer auf der richtigen Seite wähnt, durchaus getrieben von dem starken Wunsch nach einer besseren Welt. Deshalb fühlen wir Deutschen uns sooft missverstanden, obwohl wir uns als rücksichtsvoll und fürsorglich empfinden. Nur: Dieses Selbstbewusstsein begründet aus traditionellen Werten, die wir emotional aufladen. Die fleißigen Deutschen, die pünktlichen Deutschen, die disziplinierten Deutschen. Wer will dagegen schon etwas sagen, das sind doch sehr ehrbare Attribute.

Unser gesamtes Auftreten wirkt zurückgenommen. Außerhalb gentrifizierter, urbaner Räume, also im großen Teil der Fläche Deutschlands kann man sie noch erleben: Die Dominanz des grau-beigen Sterbeflanells. Gedeckte Farben everywhere.
Unsere persönlichen Wünsche orientieren sich an unserer kleinen, privaten Scholle: Gesundheit für sich selbst und die Familie, ein eigenes Haus und Sicherheit. Die Sicherheit im Job, die Sicherheit zuhause, die Sicherheit auf der Straße, die Sicherheit des Ersparten, die Sicherheit vor der Zukunft.

Die Sicherheit, die Sicherheit, die Sicherheit.

Einfache Lösungen versprechen Sicherheit. Einfache Lösungen protegieren das schwarzweiß. Unsere reichweitenstärksten Medien geben diese Sicherheit: BILD hat die Lösung. Die RTL-Gruppe liefert die linearen Unterhaltungsshows. Folgen einer Serie haben bei uns ein Anfang und ein Ende, horizontale Erzählweisen bleiben eine Ausnahme. Wir quizen gern und mit, denn dabei können wir uns beweisen und abgrenzen. Man ist die blöd, bei der 500€-Frage schon raus! Wir suchen immer noch nach der großen Samstagabend-Show, die wieder alle vor dem Fernseher vereint und auf die sich alle verständigen können. Zum Glück gibt es den #Tatort noch.

Der Wocheneinkauf in einem großen Center, dabei den Händlern noch ein Schnäppchen schlagen und IKEA. Das alles ist praktisch, man kennt die Laufwege und im Kühlschrank zuhause wird man nicht überrascht, außer wir gönnen uns mal etwas. Überhaupt: Das sich etwas gönnen. Ein Scherz muss auch mal sein. Es darf gelacht werden, aber nur an den richtigen Stellen, wenn auch mal in veränderten Stimmlagen: Hohoho, hat der das gerade wirklich gesagt?

Das sind wir. Ganz doll pauschalisiert. Das ist gar nicht schlecht, nicht zu stigmatisieren, aber das sind eben wir. Im Durchschnitt. Und die Politik hat gelernt darauf zu reagieren.

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Die Wirkung

Die politischen Neunziger und der Anfang der 2000er waren geprägt vom Reformeifer: Reformstau, Gesundheitsreform, Agrarreform, Rentenreform, Arbeitsmarktreform und am Höhepunkt, die HartzIV-Reform. Zunächst unabhängig von den jeweiligen Auswirkungen betrachtet, wurden wir Deutschen kommunikativ von der Politik überfordert. Die damalige rot-grüne Bundesregierung war angetreten, den Mehltau der Achtziger abzuschütteln. In einem rasendem Tempo wurde und musste regiert werden. Die Veränderungen waren gesellschaftlich notwendig, aber beschissen kommuniziert. Wie gesagt, ich möchte jetzt nicht auf die individuellen Auswirkungen der einzelnen Maßnahmen eingehen, sondern nur darauf, wie die gesellschaftliche Rezeption jede Politik danach massiv verändert hat.

Die SPD war dabei die Partei, die in diesem Prozess, für den es zu Beginn, nämlich 1998 nicht nur Verständnis sondern sogar den absoluten Willen seitens der Wähler gab, alte Gewissheiten beseitigte und die Deutschen um das so wichtige Gefühl der Sicherheit brachte. Alles stand auf dem Spiel. Nein, die Renten waren plötzlich nicht sicher, die Arbeitsplätze sowieso nicht, das Gesundheitssystem lange nicht und die Pflege schon gar nicht. Alles, worauf sich die Deutschen politisch Zweijahrzehnte lang verlassen konnten, verlor im Reformeifer seine Bedeutung. Wer waren wir eigentlich noch? Das deutsche Gefühl der Einheit, im Herzen von Europa, verlor sich angesichts schrumpfender Wirtschaft, massiv steigender Arbeitslosenzahlen, hoher Jugendarbeitslosigkeit ohne Ausbildungsgarantie und dem ausbluten ganzer (vor allem ostdeutscher) Landstriche. Identitäten gingen verloren, Sicherheiten mussten aufgegeben werden. Der ganze Fleiß, die Pünktlichkeit, die ganze Disziplin hatten nichts gebracht, angesichts sich durch die Globalisierung verstärkender Marktprozesse. Wir waren nicht mehr wer.

Schröder versuchte auch zunächst mit der ‚Politik der ruhigen Hand’ nicht vorschnell auf diese Entwicklungen zu reagieren, obwohl der Reformdruck immens war und schon vieles angestoßen, worauf ihm von Seiten der konservativen und liberalen Opposition „Untätigkeit“ vorgeworfen wurde. Getrieben von der Wirklichkeit und von der Opposition kamen dann die Hartz-Reformen.

Schröders Charisma und Fischers Wandel vom Revoluzzer zur fleischgewordenen Solidität reichten dafür als Narrativ nicht mehr aus. Rot-Grün hatte die Menschen überfordert, ausgebrannt. Das Ziel dieser Politik mag richtig gewesen sein, aber auf dem Weg dahin wurde keine Rücksicht auf notwendige konsolidierende Atempausen genommen.

Dass der SPD diese Politik heute noch nachhängt, daraus hat sie gelernt. Aber vor allem die CDU und Kanzlerin Merkel.

Das Leitthema aller politischen Debatten ist heute Stabilität und Sicherheit. Quer durch alle Ressorts. Die ‚Politik der ruhigen Hand’ Schröders ist heute der ‚Sie kennen mich, ich schaue mir das einmal an’-Politik Merkels gewichen. Wir haben die politische Art der Kommunikation erhalten, die wir im Herzen wollen: Simulierte Stabilität, verantwortungsvoller Gestus, immer um einfache, schnelle Lösungen bemüht und um diese auch so zu vermitteln, die dann möglichst keine Konsequenzen für den einzelnen bedeuten.

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Das Ergebnis

JournalistInnen und LeFloid scheitern (regelmäßig) an Angela Merkel, etwas substanzielles, oder gesellschaftlich bewegendes aus ihr herauszubekommen. Warum das so ist, nähert man sich am besten über die Frage, was denn von ihr breitgesellschaftlich erwartet wird? Die Antwort muss lauten: Genau das eben nicht.

Will man eine breite (beinahe absolute) Mehrheit erhalten, muss kommunikativ absolut vermieden werden, zu kontroversen Themen Stellung zu beziehen. Denn das polarisiert unnötig und würde die politischen Gegner mobilisieren. Nur wenn Merkel das Bild vermittelt, ab zu warten, zu zögern, zu überlegen und erst dann vermeintlich handelt, dann gibt sie uns das Gefühl von Sicherheit. Einer Sicherheit, der man vertrauen kann. Vertrauen und Sicherheit. Nicht umsonst fielen in der Griechenland-Diskussion besonders oft diese beiden Begriffe: „Verlorenes Vertrauen müsse wieder hergestellt werden, damit die Gläubiger sicher gehen können, dass …“ Das wollen wir Deutschen hören, das lässt uns zuhause auf den Sofas sitzen.

Jeder, der Merkels Position, bleiben wir kurz bei Griechenland, in dieser Frage also laut hinterfragt, gar widerspricht, argumentiert immer gegen ‚Vertrauen und Sicherheit’. Gegen diese Debattenführung, die über ihre Alternativlosigkeit argumentiert (siehe schwarzweiß-Denke), also verschärfte Austerität oder Grexit, kommt man mit einer ausgewogenen Betrachtungsweise kommunikativ nur schwer an. Und noch mehr verliert man darüber Wahlkämpfe.

Und das zieht sich durch: Die SPD hält für sich hoch, dass in ihr wenigstens diskutiert wird, beispielsweise bei der Vorratsdatenspeicherung, während die CDU diese einfach so beschließt, vergisst aber in dieser Argumentation, dass Diskussion (auch wenn sie absolut notwendig und angebracht war und ist, wie bei der VDS) vom Wähler absolut nicht gewünscht ist. Nur geschlossene Parteien vermitteln glaubwürdig ‚Vertrauen und Sicherheit’. Jetzt noch irgendwelche Fragen, warum die Piraten in der Versenkung verschwunden sind und die AfD ihnen nachfolgen wird? Es geht immer um Vertrauen und Sicherheit.

Wir Deutschen sind satt. Der Mehrheit geht es gut und für die Minderheit, der es nicht gut geht, wird angemessen gesorgt. Das ist das Bild, auf das wir vertrauen sollen. Wir nehmen das an, denn Problematisierung hilft uns nicht, in unserer harmonisierten Umgebung. Wir Deutschen sind müde. Die rot-grünen Reformen haben uns viel Kraft gekostet, aber schaut, was für ein tolles Land wir geworden sind. Und Weltmeister! Warum machen es nicht einfach alle so, wie wir. Hallo ihr Griechen, nähert euch uns an, dann wird alles gut. Ja, das kostet Kraft und Entbehrungen, aber wir haben es auch geschafft und wir wollen uns selbst auch nicht mehr bewegen. Weil wir es auch nicht mehr müssen.

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Die Perspektive

Über diese teilnahmslose Beobachtung, über das wegdelegieren von Verantwortung auf ‚Mutti’ und über das Erheben von ‚Vertrauen und Sicherheit’ als Grundmaxime und Säulenheilige jeder Politik, verlieren wir aus dem Blick, dass wir längst wieder in einen Reformstau geraten sind und uns das aufarbeiten genauso viel Kraft kosten wird:

  • Das Verschleppen der Digitalisierung durch die Betonung der Risiken, statt der Chancen.
  • Die fehlende gesamteuropäische, gesellschaftliche und soziale Perspektive.
  • Deutschland als Einwanderungsland und Ziel vieler Flüchtlinge.

Darauf werden wir keine Antworten finden, wenn wir nur einseitig auf ‚Vertrauen und Sicherheit’ setzen. Darüber bräuchte es breite gesellschaftliche Diskurse, in denen man sich verorten müsste. Laut und deutlich. Dazu gehört es auch einmal ‚Oxi’ zu sagen und zu hinterfragen. Denn diese Veränderungen werden einschneidend und massiv sein und wir sollten sie mitgestalten als nur ab zu warten, bis sich das irgendjemand irgendwann mal anschaut.

Ist das Marketing oder kann das weg?

Zum Frühstück mal was leichtes auf den Magen:
Wenn du heute durch den Supermarkt schlenderst, dann wundere dich nicht über die ganzen Produkte, extra für Frauen und Männer – Kauf sie und friss sie auf! Wenn du eine Frau bist, das für Männer und wenn du eine Mann bist, dann das für Frauen. Und wenn du dich Trans definierst, dann kaufe beides.
Fotografiert euch und nutzt die Hashtags

Männer essen Frauen das Essen weg. -> #mefdew

Frauen essen Männer das Essen weg. -> #femdew

Trans essen allen das Essen weg. -> #teadew

Lasst uns den Schwachsinn beenden.
Krass, wie das nervt!

Ich habe damit mal angefangen:

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Ein Gruß aus der Küche.

Liebe Genossinnen und Genossen, liebe SPD-Parteikonvent-Delegierte,

ich möchte mich heute ganz direkt an euch wenden, weil ich glaube, dass das sehr wichtig ist. Im Moment rauscht es im Blätterwald ganz gewaltig. Von Revolte der Basis gegen den Parteivorstand ist zu lesen, Aufruhr, Machtentscheidungen, Showdown etc.pp. Schuld daran ist die Debatte um die Vorratsdatenspeicherung, kurz: VDS. Parteivorsitzende Sigmar Gabriel hat in einem Interview mit dem Deutschlandfunk Justizminister Heiko Maas eingenordet und einen neuen Vorschlag zur Umsetzung der VDS eingefordert. So weit, so bekannt.

Im Vorfeld des Parteikonvents haben nun 106 Gliederungen einen Antrag gegen die VDS eingereicht. Diese beziehen sich größtenteils auf einen Musterantrag vom „D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt“ , dessen Gründungsmitglied und ehemaliger Vorsitzender ich bin.

Die Antragskommission hat nun die Anträge zur Abstimmung zugelassen, aber dessen Ablehnung empfohlen. Gleichzeitig wird vorgeschlagen, dass der Parteivorstand einen eigenen Antrag einbringt, der sich für die Vorratsdatenspeicherung ausspricht.

Heißt: Kampfabstimmung!

Folgendes wird nun auf dem Konvent passieren und es ist wichtig, dass ihr das vorher wisst und nicht überrascht seid:

Wie schon bei der Abstimmung über die VDS auf dem Parteitag 2011 ist überhaupt nicht sicher, welche Position die Mehrheit bekommt. Alle Anzeichen sprechen aber dafür, dass die Mehrheit der Basis sich explizit gegen eine VDS aussprechen würde.

Es wird also entscheidend sein, welche Seite es auf dem Konvent schafft, mit Argumenten zu überzeugen. Dabei wird es nur ein echtes „Dafür oder Dagegen“ geben, denn Formelkompromisse, wie zum Beispiel die Befristung der VDS, sind inhaltlich Blödsinn, weil schon ein einziger Tag VDS das umsetzt, wogegen sich die VDS-Gegnerinnen und Gegner aussprechen.

Das heißt, wenn es eng wird und nicht sicher ist, wie die Abstimmung für den Parteivorstand ausgehen wird, wird es hart:
Sigmar Gabriel, Yasmin Fahimi, Heiko Maas, zahlreiche Innenpolitiker werden in die Bütt gehen. Sie werden mit dem drohenden Koalitionsbruch argumentieren (obwohl die VDS, egal in welcher Form, nicht vom Koalitionsvertrag gedeckt ist, weil die darin benannte sich explizit auf die EU-Richtlinie bezieht. Und diese gibt es nicht mehr), sie werden vom möglichen Schaden für die Sozialdemokratie erzählen und, wenn nötig, ihre eigene Person und Funktionen in die Waagschale werfen.

ABER:
Lasst euch nicht irre machen! Das sind alles luftleere Drohgebärden. Denn: Die VDS ist kein Herzensprojekt der SPD, nicht vom Parteivorsitzenden und auch nicht vom Parteivorstand. Es geht einzig um den legitimen Interessensausgleich zwischen Koalitionären. Niemand lässt ihre oder seine Funktion oder Job sausen, um die VDS durchzudrücken, denn das große Geheimnis ist: Das würde nicht einmal jemand in der Union machen.

Es ist überhaupt nicht sicher, ob die VDS nicht die zweite Klatsche vom Verfassungsgericht bekommt, aber dass dagegen geklagt wird, das ist sicher. Das will niemand, schon gar nicht vor dem Hintergrund, dass die EU gerade richtig Druck macht und wahrscheinlich die CSU-Maut gerichtlich kassiert, bevor sie überhaupt in Kraft tritt. Das die beiden einzigen koalitionären Herzensprojekte der Union gerichtlich scheitern – daran möchte keiner der Verantwortlichen von CDU/CSU seinen Job knüpfen.

Warum sollte das also die SPD machen? Eben.

Ja, sollte der Parteivorstand mit seinem Antrag unterliegen, wäre das Geschrei groß. Die Union würde das ausschlachten und auch ein wenig lachen, Sigmar würde mit der diskussionsfreudigen und offenen SPD argumentieren und natürlich würde der Druck auf die SPD-Fraktion immens werden.

Meine Prognose: Der darauf folgende Koalitionsausschuss gründet irgendeine Arbeitsgruppe, bestehend aus Justizministerium, Innenministerium und irgendwas mit CSU und dort lassen sie den Gesetzentwurf zur VDS ordentlich abhängen.

Fazit: Seid vorbereitet! Habt keine Angst vor der Debatte! Folgt den Argumenten und euren Landesverbänden. Es gibt kein Szenario, in dem die SPD durch die Ablehnung der VDS ihren Vorsitzenden verliert oder ein Koalitionsbruch droht.

Stimmt gegen die Vorratsdatenspeicherung!

Mit solidarischen Grüßen
Mathias

— UPDATE —

Ein kurzes Video von D64, das es noch einmal auf den Punkt bringt:

Letzte Chance SPD-Parteikonvent: Gemeinsam die Vorratsdatenspeicherung verhindern! #vds

Posted by D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt on Mittwoch, 3. Juni 2015

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Der Tag wird kommen.

All ihr homophoben Vollidioten, all ihr dummen Hater
All ihr Forumsvollschreiber, all ihr Schreibtischtäter
All ihr miesen Kleingeister mit Wachstumsschmerzen
All ihr Bibel-Zitierer mit euer’m Hass im Herzen
All ihr Funktionäre mit dem gemeinsamen Nenner
All ihr harten Herdentiere, all ihr echten Männer
Kommt zusammen und bildet eine Front
Und dann seht zu was kommt.

– Marcus Wiebusch.

„Niemand erwartet etwas von uns, also versuchen wir das Unerwartete“

Der Wahlkampf mit und für Martin Dulig

Meine aktive Arbeit an der Kampagne endete mit dem 01. Juli 2014.
Sechs gute Einsatzmonate waren damit vorbei. Danach begann die heiße Phase des Wahlkampfs und Martin Dulig setzte sich an seinen Küchentisch. Am Ende reichte es für einen Zugewinn, aber es blieb unter dem, was wir uns gewünscht hätten. Die Analyse des Ergebnisses überlasse ich den JournalistInnen und der staatspolitischen Verantwortung für Wahltermine. Dennoch eine nackte Zahlenreihe: Als einzige Partei im sächsischen Landtag konnten die SPD und Martin Dulig Stimmen hinzugewinnen (CDU -77.639, DIE LINKE -60.791, SPD +15.109, FDP -117.020, GRÜNE -21.111, NPD -19.774).

Die Strecke, die wir aber bis Anfang Juli gemeinsam gegangen sind und was wir getan haben, um die Kampagne auf das Gleis zu setzen, steht hier einmal aufgeschrieben.

Eines gleich vorweg: Es war, gemessen an den Zahlen, nicht mein erfolgreichster Wahlkampf, aber es war definitiv mein schönster. Und das aus einem ganz einfachen Grund: Weil alle Beteiligten an einem Strang gezogen haben. Jede Disziplin auf die Fähigkeiten der anderen vertraute und auch machen ließ. Es gab nicht den geschlossenen Beraterkreis, der sich um den Spitzenkandidaten versammelte, sich abschottete und zu dem niemand anderes mehr durchdrang. Und selbst wenn es mal in der Organisation knirschte, konnte das in Teamarbeit gelöst werden, indem man sich immer wieder forderte. Das sollte ein echtes Modell für andere Wahlkämpfe sein, aber wer bin ich schon, das einschätzen zu können. Und jetzt der lange Sermon.

Am 07. Oktober 2013 haben wir bei der SPD-Sachsen gepitcht. Das war der erste komplette Wahlkampf-Etat, um den wir uns zusammen als NWMD bemüht haben.
Jede und jeder aus unserem kleinen Team war wahlkampferfahren, allen voran Guido Schmitz.

Wir standen schon beim Pitch vor zwei wesentlichen Herausforderungen:
Eine SPD, seit 1999 gefangen in der 10%-Hölle, und einen sympathischen, glaubwürdigen Spitzenkandidaten namens Martin Dulig, den allerdings nur Eingeweihte in Sachsen kannten. Die Zielsetzung stand also ziemlich sicher fest: Prozente holen und Bekanntheit steigern. In der Pitch-Präsentation hatte deshalb zu diesem Zeitpunkt der Bereich Öffentlichkeitsarbeit einen wesentlichen Teil eingenommen. Das bedeutete, von Anfang an die Presse einzubinden und Martin Dulig auf den Radar zu bringen. Gleichzeitig sollte ein bewährtes Mittel aus dem Hessen-Wahlkampf, das NWMD schon für Thorsten Schäfer-Gümbel aufgelegt hatte, für einen Bekanntheitsschub sorgen: Ein Magazin, das Martin Dulig als Person vorstellt. Persönlich.

Der Mann hat nicht die Medienpräsenz eines Ministerpräsidenten, schon gar nicht in einem Medienumfeld, in dem über all die Jahre konservativer Regierungszeit auch und vor allem diese politische Schlagrichtung Gehör findet und Kontakte hat. Also wollten wir unsere eigenen Kanäle schaffen und nutzen. Das Magazin landete deshalb in nahezu jedem sächsischen Briefkasten, weit bevor die Sachsen überhaupt an Wahlkampf dachten. Wir wollten ein Feld bestellen, auf dem man die dann folgenden Aktionen einpflanzen konnte, vorneweg Duligs Küchentisch, an dem sich Martin selbst mit Menschen treffen wollte und der zum vielleicht wichtigsten Wahlkampf-Tool avancierte. Die PR-Einheit von NWMD organisierte Hintergrundgeschichten, Presse-Stücke und Fotoshootings, durch die Martin sich seinen Platz in den Medien erkämpfte. Und dann gab es noch die Plakate, das Web und die Spots.

Schon in der Pitch-Präsentation haben wir zwei Kampagnenansätze präsentiert, die Martin deutlich in den Mittelpunkt aller Kampagnenbemühungen stellten. An einem Kampagnenansatz haben wir lange festgehalten und weitergearbeitet. Gleichzeitig bemerkten wir aber sehr schnell, dass wir so fest in den Bekanntheitszahlen für Martin stagnierten, obwohl der Mann rannte, sein Team Termine um Termine machte und wir mit aktiver PR-Arbeit begonnen hatten. Also haben wir alles verworfen, mussten radikaler werden. Nur Martin Dulig. Kein drumrum. Keine Fotosessions mit Neigungsgruppen des jeweiligen Themas. Nur 100% Martin.

Aber es brauchte ein Kampagnendach, einen Claim. Ein glaubhafter Slogan, der alle Aktivitäten bündelt und klar macht, was Martin Dulig und die SPD Sachsen im Wahlkampf kommunizieren wollten. Es war vollkommen klar, dass es angemessen schwierig werden würde, die absolute Mehrheit reinzuholen und auch über die tatsächlichen erreichbaren Ziele herrschte von Anfang an große Einigkeit. Man musste eingestehen: Sachsen geht es gut. Die CDU und der Ministerpräsident waren auf einem stabilen Polster unterwegs, zufrieden mit der CDU-geführten Regierung, aber unzufrieden mit SchwarzGelb. Eines war auch klar: Die CDU steht gut da. Die Menschen finden, sie verwalte das Land Sachsen gut. Aber wir konnten auch festhalten: Sie hat kein Konzept für die Zukunft. Keine Ideen. Auch die SPD Sachsen hat nicht alle Antworten auf die Herausforderungen, die da noch kommen mögen, aber sie hat die richtigen Fragen und sie haben einen jungen Spitzenkandidaten, der gemeinsam mit den Sachsen an den möglichen Antworten und an UNSER SACHSEN FÜR MORGEN arbeiten möchte.

Der Ansatz, den wir jetzt gemeinsam verfolgten, war ungesehen, spannend, witzig und vor allem auf den Punkt. Allerdings auch hochriskant, hatte doch ein anderer Spitzenkandidat im Bundestagswahlkampf mit Gesten ganz andere Aufmerksamkeit erhalten, als zuvor gedacht. Sollte es allerdings klappen, haben wir ein auffälliges Kampagnenlayout, was es so noch nicht gab und unter dem Motto „Niemand erwartet etwas von uns, also versuchen wir das Unerwartete“ wurde dann auch die Richtung präsentiert:

Also ließen wir den Kampagnenansatz von Uli Becker testen. Seine Ergebnisse unterstützten auch die Kampagne bis zum Schluss. Im konkreten Fall brauchte es ein Shooting, in dem Setting, Anmutung und Tonalität der späteren Kampagne sichtbar wurden. Als Fotografen hatten wir Götz Schleser in die Kampagne geholt, der später nicht nur die gesamte Kampagne shooten sollte, sondern Martin über den gesamten Wahlkampf hinweg begleitete.

Und schon im Test-Shooting entstand ein Motiv, das so überzeugend war, dass wir es gleich einsetzen konnten und das auch mediale Beachtung fand: BILD-Link

Bildschirmfoto 2014-08-18 um 15.59.30

Mit den getesteten und weiterentwickelten Motiven und Fragen (Headlines) ging es dann an das „echte“ Shooting:

Als Grafiker hatte ich Felix Nowack in die Kampagne geholt, mit dem ich schon seit 2006 zusammenarbeite und vor allem schon etliche Wahlkämpfe, unter anderem den Bundestagswahlkampf ’09 und den NRW-Wahlkampf für Hannelore Kraft ’10, damals für BUTTER. und unter Frank Stauss, gestaltet habe.

Die Print-Kampagne stand. Die Landtags-KandidatInnenplakate hatten wir zwischendurch auch schon geshootet und eine neue Webseite für Martin wurde gelauncht.
Fehlte noch der Spot. Wir drehten mit Andreas Gräfenstein, dessen zusammen mit Jörg Hüster entwickeltes Spot-Konzept sehr gut in die gesamte Kampagnenlogik passte.

Und hier das Ergebnis zum nachgucken:

Und damit war ich raus. Alles was an Kreation bis zu diesem Zeitpunkt zu tun war, stand. Den Rest mussten Martin Dulig und das Team allein machen und das haben sie ganz ordentlich erledigt, fand zumindest Heribert Prantl am 18. August in der SZ.

SZ - Prantl 18. August

Wahltage sind das Hochamt der Demokratie. Es ist unglaublich spannend, grandios, unglaublich stressig, aber extrem fokussiert. Alles läuft auf diesen einen Tag zu. Und manchmal wird man für seine gemeinsamen Mühen belohnt, mal nicht. Ich fand es toll. Und bei all der Sorge um die miserable Wahlbeteiligung bleibt festzuhalten: Die Nazis sind draußen, Martin Dulig und die Sachsen SPD werden in Koalitionsverhandlungen eintreten und der erste Schritt raus aus dem 10%-Ghetto ist geschafft. Das war Martin Duligs erster Wahlkampf als Spitzenkandidat und ich bin mir sicher, dass es nicht sein letzter war.

Vielen lieben Dank an Guido, Nicole, Philipp, Katja, Birgit, Gero, Henning und den Rest von NWMD. Vielen Dank an Felix, Götz, Andreas und Jörg. Dank auch an Uli. Und großen Dank auch an das ganze SPD Sachsen-Team: Martin, Dirk, Sebastian, Oliver, Alexandra, Jens, Caroline, Udo, Petra, Marc und Julian. Ich hoffe, ich habe niemanden vergessen. Das war toll.

Und der Taxifahrer: „Seit wann bezahle ich denn für Werbung?“

Als sich 2001 in Berlin eine leidenschaftliche Debatte darüber erregte, ob die Loveparade ihren Demonstrationsstatus verlieren sollte, habe ich die Diskussion nicht verstanden. Auf der einen Seite die, die laut riefen, dass das natürlich eine Demonstration sei, die friedlich unfassbar viele Menschen an einem Ort versammeln würde und das als Botschaft in die Welt transportiert und auf der anderen Seite diejenigen, die die Loveparade als rein kommerzielle Veranstaltung sahen, die nur einem Interesse folgt, nämlich dem des Veranstalters.

Ich hatte nur eine Frage:
Seit wann gibt es auf Demonstrationen Werbung?

Als dann Dr. Motte 2004 zunächst das letzte Mal in eine Muschel blies, um seine Botschaft einer voll schönen Welt an seine Jünger zu bringen, beantworteten die Veranstalter die Frage nach dem Aus für die Loveparade damit, dass der Verlust des Demostatus erhebliche finanzielle Mehrkosten nach sich zog: Man musste vollständig und selbst für die Reinigung des 17. Juni, für die Sicherheit der Gäste und für mögliche Schäden im Tiergarten aufkommen. Der Veranstalter konnte sich die Loveparade damit schlichtweg nicht mehr leisten, als Berlin dafür nicht mehr zahlte.

Und was war das doch alles voll toll auf der Loveparade: Tolle nackte Menschen, tolle Stimmung, tolles Wetter, tolle DJs, tolles Gefühl, dabei zu sein.

Und das alles: Kostenlos! Kein Eintritt.

Wobei, nicht ganz kostenlos: 1999, beim absoluten Berliner Teilnehmerrekord zappelten 1,5 Millionen Menschen zwischen den durch und durch durchgesponsorten Trucks und versorgten sich lukullisch an den teuer lizensierten Imbisständen. Zahlreiche Fernseh- und Radiosender berichteten stundenlang live von dieser ‚Demonstration‘ und bescherten der PlanetCom GmbH (damaliger Veranstalter der Loveparade) damit Millionenumsätze durch Merchandise und DJ-Compilations. Und Berlin hatte natürlich auch was davon: 1,5 Millionen Raver an einem Wochenende, an einem Ort, in diesem Berlin – da freut sich das Hotel- und Gaststättengewerbe der Stadt.
Die Raver bezahlten also mit Anwesenheit, Reichweite und Konsum.

Dieser kurze Ausflug in die Raving Society Anfang der Nullerjahre soll nur halbgut das Dilemma beschreiben, in das wir uns auch im Netz hinein bewegt haben: Wir bezahlen die kostenlosen Dienste von Google, Facebook usw. mit unseren Daten. Zwei einfache Binsen, die man an jeder Netzecke dazu hören kann:

  1. Daten sind die neue Währung und
  2. mit meinen Daten kann man für mich bessere und personalisierte Werbung schalten.

Und dann fahre ich mit dem Taxi zum Flughafen und der Taxifahrer fragt mich, nachdem wir über vieles dazu gesprochen haben, was ich so tue etc., diese Frage:

Seit wann bezahle ich denn für Werbung?

Das ist vielleicht naiv, aber genauso berechtigt, wie die Frage nach Werbung auf Demonstrationen. Das ist die Verständnisflughöhe da draußen.

Berliner Liebe transkribiert.

Ich weiß!
Die hat mir so verletzt,
die hat mir mein Herz rausgerissen.
Und jetzt fickt ‚se da mit’m altem Mann rum.

Nee, ich schlag keene Frauen, keene Männer und alte Frauen.
Aber ick schmeiß ihm gleich ‚nen Stein ins Fenster.
Aber ick hoffe, dass ihr nüscht wisst und so …
Ick bin et gewesen, ja.

Ick schmeiß ihm jetzt ein Stein ins Fenster.
Mach ick! Mach ick!

Du Drecksau!
Komm raus!
Du Wichser.
Komm raus, du Drecksau!
Ick will meine Frau!

Dann kricht er noch’n Stein …

Komm raus, du Sau!
Ick will meine Frau!
Ick will Jasmin haben!
Du Wichser.

RAUS HIER!
IHR PENNER.

Alter, ich bin einer aus der alten Garde.
Und nicht so’ne Wichser,
wat ihr alle kennt hier.

Alter, komm raus, du Sau!

Raus, du Wichser!
Du fickst meine Frau, du Arschloch!?

IHR SEID ALLE ZEUGEN!
Ich gestehe: Ich liebe meine Frau über alles,
aber der Wichser fickt meine Frau!
Und das ist räudig.

Das Video:

WICHTIGES UPDATE:
Im FAZ-Blog „10vor8″ schreibt Margarete Stokowski, dass in dem Video nicht Romantik, Liebe sondern Gewalt zu sehen ist. Sie hat Recht.
http://blogs.faz.net/10vor8/2014/10/10/dit-nich-berlin-dit-jewalt-2627/