Das Lied vom Leid.

Ich habe mir mal den rechten Unterarm gebrochen, aber das ist eine andere Geschichte. Und vor zehn Tagen habe ich mir den 1. Lendenwirbel der Wirbelsäule gebrochen.

An dieser Stelle möchte ich euch kurz Zeit für die Bilder in eurem Kopf einräumen, die genau jetzt entstehen …

Bis auf mein schmerzverzerrtes Gesicht bei Oberkörperbewegungen über fünf Grad nach rechts oder links, ist das für meine Umwelt aber weitgehend unsichtbar. Eine versteckte, schwere Verletzung also. Mein Oberkörper liegt halt nicht in Gips.

Aus meinen bisherigen Krankheitsverläufen habe ich gelernt, sehr schnell mein Leid zu verbalisieren, weil man mir seit ich denken kann nie wirklich abgekauft und angesehen hat, dass es mir so richtig dreckig ging. Sätze, wie „Solange du noch Witze machst, kann es dir gar nicht so schlecht gehen“ ziehen sich bis heute durch die Leidbewertungen meiner Mitmenschen beim Anblick auf mein feixendes Gesicht. Nur gehen solche Formulierungen von der irrigen Annahme aus, dass ich jemals aufhören könnte, Witze zu reißen und Sprüche zu drücken. Also habe ich sehr schnell damit begonnen, Krankheiten in den schönsten Farben auszumalen und zu beschreiben, um so wenigstens ein wenig Mitleid zu erheischen, was mir durch mein sonniges Gemüt sonst verwehrt geblieben wäre.

Gemessen an den jetzigen Reaktionen meines persönlichen Umfeldes beim Hören meiner neuerlichen Geschichte rund um den Wirbelbruch, war ich wohl noch nie so schwer verletzt oder erkrankt. Diese Vermutung deckt sich im Übrigen durchaus auch mit der Einschätzung, der mich betreuenden Ärzte und kann so falsch also nicht sein. Als Reaktion auf das Wort „Wirbelsäulenbruch“ folgen dann meist sofort Äußerungen wie “Rückenmark” und “Querschnittslähmung”, begleitet durch zahlreiche Ahh´s und Aua´s, sowie der aufmunternden Solidaritätsadresse: Glück gehabt.

Glück gehabt. Ja, Glück gehabt. Hätte durchaus schlimmer kommen können. Hätte aber auch gar nicht passieren brauchen und ich wäre einfach weiter Snowboard gefahren und hätte meinen wohlverdienten Urlaub ruhmreich zu Ende gebracht. Ist aber beides nicht eingetreten und jetzt passe ich halt auf, wie ich mich aus dem Bett rolle, beuge mich nicht nach vorn, hebe nichts an und verändere meine körperliche Verweilposition alle drei Minuten, weil es sonst schmerzt. Und morgens, vor allem anderen, schmeiße ich mir ein Pille ein, die verhindert, dass die nachfolgenden Schmerztabletten meine Magenschleimhaut angreifen. Und dann liege ich hier, schaue die Sitcom-Rotationen und surfe durchs Netz. Glück gehabt.

Ich nehme solche Sachen immer wie sie kommen. Zumal ich weder mir noch jemand anderen an dieser Stelle einen Vorwurf machen könnte. Es war nicht zu verhindern, wäre es auch für niemand anderen gewesen. Ich lebe noch in der kindlichen Annahme, dass mir ja nichts passieren kann und meiner Familie und meinen Freunden auch nicht. Dass das in der Vergangenheit schon widerlegt wurde, stört meine Naivität an dieser Stelle überhaupt nicht, denn irgendwie kommt man immer mit einem blauen Auge durch. Ich bin auch gar nicht bereit, mir diese heile Welt durch die Realität kaputt machen zu lassen.

Die Einschläge kommen näher, denke ich mir, bei jedem neuerlichen Todesfall oder einer neuen Heirat und Schwangerschaft. Aber das stimmt natürlich nicht. Nichts kommt näher. Aber mit zunehmendem Alter steigen halt potenziell auch die Chancen, dass dich mal die Muse küsst, oder das Leben dich fickt. Das einzige Problem ist also, dass man älter wird. Und ein Problem ist auch nur dann, wenn man auf den Knieschuss wartet. Tue ich nicht.

Und so verweile ich hier und schleppe mich ab und zu vom Chirurgen zum Physio zur Ärztin und zum Fernseher. Ich bekomme Krankenbesuche, mache Podcasts und schaue ihr bei der Hausarbeit zu. In zwei Wochen darf ich wieder arbeiten gehen und in acht bis zehn Wochen müsste eigentlich alles wieder normal machbar sein. Bis dahin wälze ich noch ein paar Snowboardkataloge für das nächste Jahr. Denn wenn ihr mich fragt, was ich daraus gelernt habe, denn sicher nicht, dass ich aufhöre mit meinem Brett durch den Schnee zu heizen und zu versuchen auch mal ein paar Tricks zu stehen. Nein, ich habe mir bloß vorgenommen nächstes Jahr neben dem Helm noch besser geschützt zu fahren, mit Rückenprotector und Protectorbuchse. Das könnte aber auch die Altersweisheit sein.

Board the world!

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