Eure Diskussionskultur bin ich zum kotzen leid! Zugegeben, ein harter Einstieg, aber dieser Satz beinhaltet auch schon gleich Ausgangspunkt und Zielmarke dieses Textes. Ich könnte hier also auch stoppen und ihr würdet euch euren Teil denken, ich bin aber gerade so gut in Fahrt.

Wir, die wir die Entwicklungen im Internet, auf Plattformen, in den sozialen und klassischen Medien und in Unternehmen kritisch begleiten und teilweise professionell beeinflussen …

Wir, die wir zum großen Teil mit Kommunikation im weitesten Sinne Geld verdienen …

Wir, die Netiquetten für Foren und Communitys kreieren und uns über Trolls und Flamewars ärgern und dafür Faustregeln definieren (Don´t feed …) …

Wir … Wir bekommen es nicht hin, dass sobald eine Twitterwall über den Köpfen eines Panels installiert ist, die normalen Regeln der Höflichkeit, die eines Gespräches, oder einer Diskussion einzuhalten und damit normales zwischenmenschliches Verhalten an den Tag zu legen.

Stirb Twitterwall, stirb!

Auch im Festsaal Kreuzberg gab es gestern im Rahmen der Social Media Week (#smwberlin) wieder eine Twitterwall, die raumgreifend über die gesamte Bühne gespannt war und damit den Blick auf das Wesentliche versperrte, wenn auch nur im übertragenden Sinne, nämlich auf die Panel-Teilnehmer.

Besonders deutlich wurde das beim Panel „Social Media als Aktionsraum vs. Social Media als Organisationsraum“ u.a.m. Johnny Haeusler und Nico Lumma. Es wurde zwar nicht einmal ein Quantum Trost zum Panel-Thema selbst gesagt, aber stattdessen warteten lieber alle darauf, dass die x-te Vodafone-Diskussion vom Zaun gebrochen wird und damit Zoff und Rabatz. Als es den aber nicht gab, produzierte die Crowd selbst welchen, der über die Twitterwall in den Saal gerotzt wurde.

Nun beherrschen gerade Johnny und Nico diese Panel-Techniken perfekt und laufen deshalb auch zugleich in deren Fallen. Während Johnny, als stets um Ausgleich im Diskurs bemühter Mensch, nie die Twitterwall aus den Augen verlor und sich von ihr auch in den eigenen Ausführungen ablenken und auch unterbrechen ließ, kommuniziert Nico permanent mit ihr, schickt und liest Tweets, muss dazu aber natürlich permanent an seinem Handy spielen, was in einem Gespräch egal welcher Natur mindestens verstörend wirkt.

Meine Kritik soll sich hier aber gar nicht an die Menschen auf der Bühne richten, sondern an die Leute, die einen Teil ihrer Grundbefriedigung daraus ziehen, dass sie wenigstens einmal auch auf einer Bühne erscheinen und einen Lacher kassieren. Und wenn sie schon nicht da vorn sitzen und mitspielen dürfen, dann doch wenigstens in Form von 140 Zeichen und auf Kosten der Panel-Teilnehmer, die in dieser pervertierten Konferenzkultur scheinbar nur noch als Projektions-Pausenclowns fungieren. Egal ob für den Saal, oder für die Menschen vor den Bildschirmen.

Ich finde das im höchsten Maße anmaßend und unfair. Wenn jemand auf der Bühne spricht und plötzlich das ganze Publikum lacht, weil sich etwas besonders witziges an der Twitterwall tut, kann die Aufmerksamkeitsspanne für das eigentlich Panel-Geschehen ja nicht so hoch sein. Die Frage ist also, warum nicht einfach jedes Panel zu einer Twitterlesung werden sollte? Fachlich schien das Publikum gestern ja auch bestens Bescheid zu wissen, wie Social Media (Marketing etc.) funktioniert, folgte man den zurechtweisenden Tweets aus dem mit sich selbst beschäftigten Publikum. Warum also noch Diskutanten? Wenn es schon nichts mehr zu lernen und zu erfahren gibt? Setzen wir uns doch alle in den Kreis und streicheln uns gegenseitig unsere megamäßigen Knowledge-Baumstämme.

Wenn ihr alle wisst, was Nico und Vodafone so alles falsch gemacht haben, wenn ihr alle so gut Bescheid wisst, wie es Werbung im Internet schaffen kann, Menschen zu erreichen und zu verkaufen (denn ja, dass ist der Sinn von Werbung) … warum macht ihr es dann nicht? Warum gibt es dann soviel Müll in Social Media?

Nein, den meisten reicht es aus, ihr angelesenes Stimmungswissen in 140 Zeichen zu drücken und befriedigt einzuschlafen. Schön für euch. Schlecht für unsere Diskussionskultur.

Alle sprechen davon, dass Unternehmen mit den Menschen im Netz in einen Dialog treten müssen, um erfolgreich zu sein. Eine Twitterwall kann dafür nicht das Role-Model sein, denn dieser Rückkanal stinkt. Sie schießt den Diskutanten in den Rücken. Sie ist wie der Idiot, der permanent Grimassen hinter einem schneidet, während man sich unterhält. Sie ist wie der Idiot, der dafür eine handfeste Antwort verdient hätte.

Dabei erschließt sich für mich der Sinn von Twitterwalls immer weniger. Interessante Fragen zwischenschreiben kann es nicht sein, denn davon gab es gestern zu wenige. Und bei der anschließenden echten Fragerunde melden sich dann nur zwei Menschen. Niemand bekommt das Maul auf, wenn es darum geht, wirklich etwas zu erfahren, oder mit eigenem Wissen die Diskutanten mal aus der Reserve zu locken. Nein, ein Tweet ist viel bequemer und der deutsche Sofa-Nationaltrainer unter den Kommunikationskulturen.

Twitterwalls heizen auch keine Diskussion an, oder bringen sie in Fahrt. Und eigentlich ist das auch Aufgabe des Moderators. Das hat leider gestern nicht so gut geklappt, aber das weiß er auch selbst.

Ich möchte den Menschen zuhören, die auf der Bühne sitzen. Ich möchte erfahren, was sie zu sagen haben. Und ja, ich will mich mit ihnen streiten. Aber ich will nicht gegen eine Horde auf 140 Zeichen amputierte Mario Barths antreten, die kein Interesse an einem echten Austausch haben. Wenn es euch nicht interessiert, geht nach Hause, oder macht den Tab zu, aber stört nicht die anderen.

Ich brauche keine Twitterwall und werde mich in Zukunft auch auf kein Panel mehr setzen, auf der eine hinter meinem Rücken läuft.