Zugegeben, mein kleines Stück über die Unhöflichkeit der Twitterwalls auf Konferenzen habe ich hart auf Kante geschrieben – es sollte seine Wirkung haben. Über die Wucht dieser Wirkung war ich dann allerdings überrascht. In den Kommentaren, in weiteren Blogartikeln und auf der Social Media Week Berlin selbst wurde darüber konstruktiv und weit weniger polemisch als ich es in meinem Text tat, diskutiert und mittlerweile überlegen Veranstalter anderer Konferenzen, wie sie in Zukunft mit „Twitterwalls“ umgehen. Das ist großartig, aber auch notwendig. Obwohl diese Diskussion nicht neu ist, hatte ich den Eindruck, dass viele Leser und Kommentatoren ein „Endlich sagt es mal jemand“-Gefühl hatten.

Dieser Text verhielt sich wie Kressesamen auf einem feuchten Taschentuch, fand optimale Voraussetzungen zum keimen und wachsen. Denn seit einigen Tagen entspinnt sich in zahlreichen Blogs eine Diskussion über „Die Höflichkeit im Netz“, aus verschiedensten Perspektiven. Ein weitere möchte ich jetzt selbst hinzufügen.

Ein altes Problem.

Seit Anbeginn des Netzes, ob nun im Usenet, Foren, Boards, oder Blogs geht es um Netiquetten, die Einhaltung bestimmter Regeln, die zum einen, einen möglichst gutes zwischenmenschliches Verhalten garantieren und zum zweiten und am wichtigsten, einen reibungslosen Ablauf einer Diskussion ermöglichen sollen. Dennoch ist zum Beispiel das Phänomen von Trolls ebenso alt und bis heute nicht gelöst. Im Gegenteil, Trolls sind als Teil einer Diskussion so sehr akzeptiert, dass man für sie separierte Faustregeln erfand („Don´t feed the trolls“). Die Regeln der Netiquette funktionieren nämlich genau wie Gesetze – sie werden gebrochen. Die Anonymität und die scheinbare Flüchtigkeit des gesagtem im Internet waren Treibsätze dieser Entwicklungen. In sozialen Netzwerken hat das nun eine neue Qualität erreicht, die persönliche Ebene.

Ein oft beschriebener Trend in den sozialen Netzwerken, ist die Verwendung seines Klarnamens. Für mich ist das nicht neu, da ich mich seit ich mich aktiv im Netz bewege, das auch unter meinem Klarnamen tue. Für die Kommunikation im Internet ist das allerdings ein nicht zu unterschätzender neuer Umstand. Die besagte Anonymität tritt zugunsten einer zunächst oberflächlichen Authentizität in den Hintergrund, verbunden mit dem Effekt, dass aus einem Avatar, sichtbar für jeden anderen Nutzer im Netz, ein „echter“ Mensch wird. Mit der Folge, dass jeder Diskurs personalisierter und persönlicher geführt werden kann. Das stellt auch besondere Herausforderungen an die Höflichkeit, nämlich den berechtigten Höflichkeitsanspruch aus dem Real-Life, ins Netz zu übertragen.

Ist Verknappung unhöflich?

Durch die Schnelligkeit der Kommunikation gerade in den sozialen Netzwerken, der Vielzahl an Information und die erst langsam aufkeimende Saat von effektiven Filtern, zur Bewertung der Qualität von Information und Meinung im Netz, braucht jeder Tweet, jeder Status und jeder Link eine Grundlautstärke, um sich Gehör zu verschaffen. Jeder Tweet etc. buhlt um die Aufmerksamkeit weniger, um durch Re-Tweets viele zu erreichen. Dazu muss er individuelle Qualitätsschranken überwinden, die jeder Follower, Leser oder Facebook-Freund errichtet hat: Ist der Tweet witzig? Ist er interessant? Ist der Link in ihm für mich von Bedeutung? Könnte er meine Leser interessieren und verteile ich ihn deshalb?

All das muss ein Tweet („Tweet“ hier übrigens immer stellvertretend für alle andere Aktualisierungs- und Statusmeldungen lesen) leisten. Ziemlich viel, für so einen kleinen Zwerg. Durch die Technik und das Prinzip der Verknappung (bei Twitter ja auf 140 Zeichen) wird ein Tweet oft zum reinen Informationsträger, zum Linkesel. Eine tiefe inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Inhalt kann der Tweetsender schon nicht mehr vermitteln, weil schlicht der Platz dafür fehlt. Das bedeutet aber auch, dass seine Follower und Friends in Facebook ein Grundvertrauen haben müssen, dass die transportierte Information all ihre eigenen Qualitätsschranken überwinden kann – ein Grundvertrauen in den Sender. Dass dieses Grundvertrauen (spielerisch) missbraucht werden kann, hat „rickrollin“ bewiesen. Was hier noch witzig war, kann in anderen Fällen zur Belastung der eigenen Netzwerkstrukturen werden.

Viele meiner “echten” Freunde haben meine Statusmeldungen über Facebook permanent ausgeblendet und ich kann sie verstehen. Die Vielzahl an Tweets, die bei mir auch auf Facebook gespiegelt werden, kann einen normalen Facebook-Nutzer überfordern, oder sind so spezifisch, weil sie zum Beispiel mit Phänomenen innerhalb von Twitter umgehen, dass sie schon bei Facebook nicht mehr dechiffrierbar sind. Eine Bewertung der inhaltlichen Qualität meiner Tweets, oder der Werthaltigkeit meiner transportierten Information ist somit der größtmögliche Riegel vorgeschoben. Für meine echten Freunde bin ich in ihrer digitalen Welt, auf dem gleichen Verwertungslevel wie ihr Spamordner und soviel Beachtung schenken sie auch meinem geschriebenen. Ich werde also im übertragenen Sinne als „unhöflich“ wahrgenommen.

Darüber reden wir beim Bier und ich stimme ihnen zu, finde es dennoch schade, denn ich poste meine Gedanken, Sprüche, Links ja auch für sie und im Grunde könnten auch nur sie viele Dinge entschlüsseln, weil sie das Geschriebene auch mir als reale Person zuordnen können und somit auch am besten bewerten. Von dieser Möglichkeit nehmen sie sich selbst aus.

Nur was kann ich tun? Wie kann ich verhindern, dass ich Menschen mit meinen Informationen überflute? Welche Filter kann ich zur Verfügung stellen, damit sie in der Lage sind, meine Einlassungen zu kategorisieren? Wie kann ich meine Information höflicher transportieren? Sprich: Wie bitte ich darum, dass meine Information wahrgenommen wird, statt die ganze Zeit zu schreien: Lies das!

Auf diese Fragen habe ich persönlich noch keine Antwort gefunden.

Brauchen wir eine Höflichkeit der Informationen?

Mit neuen Realtime-Diensten wie Foursquare, GoWalla usw. kommen auch neue Herausforderungen auf uns zu, was die Gewichtung von Information angeht. Wie wir selbst unsere Informationen bewerten und welche wir unseren Followern, friends, Freunden oder Kontakten zur Verfügung stellen. Wie wir unser eigenes Verhalten filtern, damit unsere halbautomatisierten Verwertungsdienste nicht jede Information zu einem Bohai aufblasen und damit wirklich wichtigen Informationen ihren Platz auf dem feuchten Taschentuch streitig machen.

Eine mögliche Entwicklung könnte die Normalisierung sein. Damit meine ich aber nicht die Normalisierung auf ein durchschnittliches Informationsniveau, auf das sich alle einigen können, sondern die Normalisierung im Umgang mit diesen Diensten, durch ihre weitere Verbreitung. Niemand vergleicht heute mehr ernsthaft Twitter und Facebook mit dem Hype um Second Life – aus einem einfachen Grund: Twitter und Facebook greifen immer mehr in den Alltag vieler Menschen ein, die bisher noch nie oder wenig in Kontakt mit sozialen Netzwerken gekommen sind. Handyhersteller stellen heute jedem Käufer diese Dienste von Haus aus zur Verfügung, gekoppelt an Datentarife, die jeden Nutzer zum aktiven Teil des Social Web werden lassen können. Diese raumgreifende Entwicklung wird zur Normalität werden. Ähnlich wird es sich mit anderen Diensten verhalten.

Nur wie werden wir dabei alle nicht zu Spamern? Wie begegnen wir Menschen mit unseren Informationen mit Respekt und geben ihnen zunächst einmal die Möglichkeit durch Zeit zur Verwertung, ohne dass sie gleich die nächste Salve an Informationen um die Ohren geballert bekommen?

Wie bleiben wir höflich?