Michael Seemann hat sich in seinem neuen FAZ-Blog „Ctrl-Verlust“ der „Augmented Reality“ und der „individualisierten Entindividualsierung“ im Internet angenommen.

(Es empfiehlt sich, wenn nicht schon getan, genau an dieser Stelle seinen Text zu lesen und erst später, nach einmal kräftig durchatmen und Kaffee machen, wieder in diesen Text einzusteigen.)

Ich möchte sein Stück um eine Fragestellung erweitern: Was ist in der von Michael beschriebenen Welt, die auch die meine ist, noch privat und was nicht?
Aus mangelndem Wissen über theoretische Argumentationsabläufe, versuche ich das anhand eines praktischen Querschnitts durch mein eigenes Leben.

Wenn ich mich mit Menschen über Twitter, Facebook, foursquare,
soziale Netzwerke und Netzwerkbildung unterhalte, ernte ich zumeist Unverständnis. Viele verstehen nicht, was mich antreibt diese Dienste so intensiv zu nutzen, wie ich es eben mache, manche stört es sogar.
Andere wiederum nutzen das Internet ebenso kräftig, ärgern sich aber sehr, wenn zum Beispiel Fotos im Netz von ihnen auftauchen. Uns alle unterscheidet voneinander, neben vielen anderen Punkten, vor allem eine Sache: Wir haben eine unterschiedliche Definition von Privatsphäre und wie und was schützenswert ist.

Jeff Jarvis hat einen interessanten Artikel geschrieben, in dem er ein deutsches Paradox skizziert: Während unter der Woche die Politik Regularien für zum Beispiel Google Streetview fordert und Bürgerinnen und Bürger sich in Talkshows über ihre chattenden, gruschelnden, msn-süchtigen Kinder Sorgen machen, treffen sich alle am Wochenende nackt in der gemischten Sauna.
Für Jarvis ist die Nacktheit die höchste Form der Privatsphäre und die deutsche Selbstverständlichkeit in einer gemischten Sauna ein Ding der Unmöglichkeit, zumindest in den Staaten. Diesen Umstand illustriert auch eindrucksvoll die prüde Debatte um die Bikini-Fotos der Snowboarderin Hannah Teter.
(Tut gerade nichts zur Sache, interessant aber an dieser bigotten Stelle: Die Vereinigten Staaten sind der größte Pornoproduzent der Welt mit seiner Hauptstadt „Silicone Valley“.)

Dennoch sind Amerikaner Entwickler und auch die intensivsten Nutzer dieser sozialen Dienste im Netz: Der öffentliche Mensch hat eine amerikanische Füllung. Das kann eine einfache Ursache haben:

Die Fähigkeit zur qualitativen Unterscheidung zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre.

Ein Maßstab, der vielen Menschen und den meisten Kritikern des sozialen Netzes noch fehlt und der dringend gelernt werden muss, möchten sie in Zukunft nicht an der Welt verzweifeln.

Mit fast allem was man im Internet tut, macht man sich öffentlich und erreicht ein Publikum. Gewollt und ungewollt. Mit den sozialen Netzwerken haben die Menschen aber auch ein wirkungsvolles Werkzeug in der Hand, das Bild über sich selbst im Netz zu zeichnen. Gerade wenn man die Tatsache bedenkt, dass die wenigsten Menschen über die zweite Suchseite von Google hinaus klicken, kann der partizipierende und aktive Mensch so ziemlich einfach beeinflussen, was andere über einen im Netz finden. (Große Onlinemedien-Präsenz sei mal hier von ausgeschlossen. Ich betrachte nur den „normalen“ User). Daraus erwächst für jeden im Netz eine enorme Verantwortung über das eigene Bildnis. Falk Lüke (Bundesverband Verbraucherzentrale) hat als Handlungsrichtlinie auf einem Panel der Social Media Week in Berlin gesagt:

Veröffentliche nie etwas, von dem du nicht wollen würdest, dass es morgen über dich auf der Titelseite einer Zeitung steht.

Das ist sehr plakativ und in seiner Konsequenz gedacht natürlich übertrieben, beschreibt aber sehr gut wie wir es im Internet machen sollen:

Wie die Medienstars in der Offline-Welt.

Denn genau an dieser Stelle wird der Unterschied zwischen Privatheit und Öffentlichkeit sichtbar. Der Popstar und Sternchen, die Berühmten und Prominenten beeindrucken durch inszenierten Homestorys, auf dem roten Teppich, in Interviews. Sie und ihr Management bemühen sich redlich ein Abbild zu kreieren, eine imaginäre Projektionsfläche für die Wünsche der Zuschauer. Mediale Götzenbilder als Wertmaßstäbe. Und wir wollen alle so gern daran glauben. Wir erleben eine konstruierte Öffentlichkeit, ein Theaterspiel. Wirklich privates erfahren wir nicht – solange dieses Bild stand hält. Das hat natürlich nicht nur Marketingüberlegungen als Ursache, sondern auch einen profanen Grund: Den Schutz der eigenen Identität; Die Besitzstandswahrung des eigenen Ichs.

Denn wirklich interessant wird es erst für die Zuschauer, wenn die Fassade bröckelt. Wenn die Scheinwelt zusammenbricht und der Mensch mit all seinen Schwächen, seinen Problemen, eben mit seinem privaten Leben ins gleißende Licht gezerrt wird: Wenn man die Kontrolle verliert, über das öffentliche Bildnis – Wenn es keinen Unterscheid mehr gibt, zwischen Öffentlichkeit und Privatheit.
Dieser Kontrollverlust über das eigene Bild kann natürlich auch jeden normalen User im Netz passieren, tatsächlich geschehen wird es aber den wenigsten. Also kein Grund zur Panik. Die Menschen wissen im Normalfall sehr genau, was sie von sich öffentlich sehen und zeigen wollen und brauchen wenig inhaltliche Regularien. Und die, die es braucht, bedürfen schulischer Vorbildung und Vorbilder im Alltag.

Ich veröffentliche meinen Standort, meine Gedanken, meinen simplen Humor, meine Launen, meine Inspirationen und manchmal mein Mittagessen. Durch meine zahlreichen Veröffentlichungen im Netz können Menschen sich ein Bild von mir machen (Google kann es sowieso, wahrscheinlich besser als ich selbst), aber das ist nur in ihrem Kopf und entspricht nicht zwingend der Realität. Ich verliere dabei nichts von mir selbst. Alles ist öffentlich und mal mehr, mal weniger interessant. Ich veröffentliche zum Beispiel nicht, wann und warum ich das letzte Mal geweint habe oder schwerwiegende Magen-Darm-Probleme. Eben all das nicht, was ich selbst für mich als privat definiere und keinen etwas angeht, denn: Ich bin öffentlich, nicht privat.

(Eine wichtige Bedingung in der Zukunft: Der höchste definierte Datenschutzgrad muss in jedem Netzwerk als „default“ voreingestellt sein. Inwieweit dann jeder Nutzer selbst die gesteckten Grenzen aufweicht, muss in seiner eigenen Verantwortung liegen.)