Krise? Welche Krise?

In den letzten Tagen wird im Netz über eine vermeintliche Krise der sozialen Medien debattiert. Was hier aber als Krise definiert wird, ist in Wahrheit die Annäherung der Beratung an die Wirklichkeit. Endlich!

Wer sich zurzeit durch die Blogs der Kommunikationsbranche und Vertreter liest, wird sich verwundert die viereckigen Augen reiben: Das Ende scheint nah.
Die Social-Media-Schaumkrone hat sich in eine abgestandene Plörre verwandelt. Und auch ich soll hiermit ordentlich ausgeschenkt haben.

Unfug: Schuld sind nicht die Kellner, sondern all die Säufer, die in Mittagshitze des Social Media Hochsommers den Hals nicht voll bekommen und sich jetzt den kritischen Nachfragen in der Notambulanz stellen müssen.

Dabei kommt der Kater sehr früh: Viele Unternehmen haben noch keine eigenen Biertische in den Social Media Lustgarten gestellt und sind trotzdem nicht pleite gegangen. Im Gegenteil: Die betriebsinterne Kantine ist dort immer noch der Hotspot für die neusten Infos und Umlaufmappen der schnellste Weg Innovationen anzuschieben. Und es funktioniert erfolgreich genauso, wie es schon seit Jahrzehnten funktioniert. Natürlich sind auch diese Unternehmen im Netz: Mails, Stundenerfassung, Logistik, Dispatching, Ein- und Verkauf, Nackedei-Fotos in der Mittagspause – alles läuft auch dort über das Internet. Da muss aber niemand twittern, da braucht es keine Gruppen und Fanseiten, oder YouTube-Channels – da funktioniert Kundenbindung größtenteils auf vielleicht ein wenig in die Tage gekommenen Wertemaßstäben – Qualität und Vertrauen und obendrauf vielleicht noch ein paar 1/1-Anzeigen in Fachmedien.

Und doch gehört es heute zum guten Ton jeder Butze und zum hohen C jeder großen Werbeagentur, die Geige der sozialen Medien wenigstens anzuzupfen. Nicht dass wir uns da falsch verstehen: Ich finde das gut. Und ich verdiene als Werber auch einen Teil meines Gehaltes mit Ideen für Social Media. Denn eines gilt auch: Genauso wenig wie nur wenige Unternehmen sterben werden, wenn sie sich nicht im sozialen Netz betätigen, werden sie auch nicht sterben, wenn sie es tun. Und noch eines gilt: Die sozialen Medien sind eine tolle Möglichkeit, seinen Kunden zuzuhören. (Ich schreibe bewusst zuhören, weil dass der wichtigste Schritt hin zum Dialog ist, aber dieser oft als Mehrwert verkaufte Dialog viel zu selten tatsächlich klappt bzw. stattfindet. Deshalb also erstmal zuhören.)

Nicht ganz zu Unrecht werdet ihr euch vielleicht fragen, warum ich den Fokus auf die Unternehmen lenke und nicht auf die eigentlich angesprochenen Befindlichkeiten der Experten und Early Adopter. Nun, wenn die Kommunikationsbranche im Internet über das Internet jammert, dann ist das ja kein Selbstzweck oder Jux und Dollerei, sondern es geschieht aus professionellen Gründen: Auch morgen schon muss das Internet und seine Vorteile in Präsentationen, Workshops und „Academys“ beschrieben werden. Außerdem entstehen Sinnkrisen in dieser Branche selten aus sich selbst heraus, sondern wachsen aus dem Feedback, das man vom Kunden bekommt oder dem Wegbrechen von Etats. Völlig überraschend fragen mehr und mehr Unternehmen nach einem wirklichen Mehrwert ihrer Netzaktivitäten. Und bei vielen stellt sich heraus, dass das eigene Engagement im Netz weniger bringt als gedacht, oder plötzlich gar nicht so ein großer Erfolg ist, wie die gezeigten Use-Cases aus den USA, die damals der versammelten Mannschaft aus Marketing und Chefetage das Glitzern in die Augen gezaubert haben.

Aber das ist kein Problem des Mediums, sondern das Problem verkaufter Erwartungen. Und eine noch größere Überraschung stellt sich mittlerweile in den Meetings ein: Plötzlich sitzen einem auf Kundenseite junge Menschen gegenüber die all das, was der Berater da vorn gerade erzählt, gestern schon in der betriebsinternen Kantine dem Chef gesteckt haben. Nicht weil sie die großen Werbeprofis oder die Über-Strategen sind, sondern weil sie die Tools ganz selbstverständlich kennen und bedienen, einfach so. Und plötzlich sind sie die Ansprechpartner innerhalb des Unternehmens, wenn es darum geht die Beratungsleistung der Agenturen mal auf Stichhaltigkeit und Sinnhaftigkeit zu überprüfen. Ich finde das großartig.

In meiner Heimatstadt Frankfurt (Oder) gab es einmal einen tollen Verein: Die Kulturfabrik (kurz: Kufa). Dieser Verein organisierte unfassbar erfolgreiche Partys und Veranstaltungen, Festivals und Konzerte. Das hat zunächst gar nichts mit dem Internet zu tun, illustriert im nächsten Satz aber wunderbar, um was es mir geht: Dieser Verein wurde von Schülern und Studenten geführt, die zunächst erstmal gar nichts hatten außer die Lust am Machen. Über die Jahre und über die Arbeit wurden aber bald schon alle für irgendetwas Experte: Einer für den Einkauf, eine für die Veranstaltungsplanung, andere in der Werbung und Gestaltung, viele DJ. Das Wissen wuchs mit der Erfahrung und der Erfolg mit der Spezialisierung in den einzelnen Feldern.

Und genau das wird die ganzen Social Media Experten im Mark ihrer Tätigkeit treffen: Der Verlust der Alleinstellung, bei gleichzeitiger Zunahme kritischer Gegenfragen. Damit werden alle umgehen müssen, genauso wie es schon alle Grafiker seit Grafikergedenken machen, wenn die Kunden gestalten und Texter seit der Keilschrift damit umgehen, das der Kunde am liebsten selbst textet. Herzlich Willkommen in der Wirklichkeit der Kommunikationsbranche. Prost!

17. Februar 2010 von Mathias
Kategorien: Kulturtunke | Schlagwörter: , , , , , , | 3 Kommentare

Kommentare (3)

  1. Du hast ja so Recht.
    Ich würde mir allerdings wünschen den Begriff “der Berater” nicht per se der Kommunikationsbranche und der Agenturszene zuzuordnen. Ja, in Agenturen gibt es “Berater”, in der PR gibt es “Berater” und in der Unternehmensberatung gibt es “Berater”. Berater gibt es überall. Ich bin auch Berater. Aber weder Social Media Berater noch Berater in der Definition einer Agentur, sondern seit 10 Jahren ein klassischer IT Berater.

    In dem Kontext regt es mich auch seit geraumer Zeit auf, wenn PR Agenturen und/oder Werbeagenturen Social Media verkaufen, ohne die internen Strukturen und Prozesse ihrer Kunden (Unternehmen) zu betrachten. Natürlich ist es nicht deren Aufgabe, auch nicht deren Expertise. Ich habe mittlerweile auch einige dieser Projekte – allerdings auf der Unternehmensseite, deren Organisationsstruktur oft, nein, eigentlich nie, auf die Anforderungen eines SM Projektes einer Agentur vorbereitet sind. Und dann passiert eigentlich genau das, was bisher sehr oft passiert, die “Projekte” scheitern. Gleiches gilt übrigens für Business Process ReEningeering oder CRM. Alle diese “Buzzwordepochen” hatten zum Ziel: bessere Kundenausrichtung, besserer Kundendialog.
    Über die Jahre ist von all diesen Themen immer ein bißchen hängengeblieben und ganz langsam haben sich Prozesse gewandelt.
    BPR und CRM waren jedoch Themen aus der klassischen Unternehmensberatung und nicht Agentur getrieben, d.h. die Abhandlung von erfolgreichen oder gescheiterten Projekte blieb weitestgehend in der Beratungscommunity – die Agenturen haben diese Themen früher nicht für sich entdeckt. Warum eigentlich nicht?
    Nun, jetzt ist das anderes – und Social Media scheint ein PR und Werbeagentur getriebenes Thema zu sein. Die IT Berater und klassischen Unternehmensberater nehmen es nur zögernd an. Warum? Na klar, sie wissen bereits was für ein Kraftakt es ist, ein Unternehmen kundendialog bereit machen. Und sie müsssen einen ROI darlegen können, den es zur Zeit nicht gibt und den auch keiner von ihnen wirklich rechnen kann.

  2. @Picki In der Berufsdifferenzierung hast du natürlich Recht. Ich hoffe aber, es wurde dennoch klar, wen ich meinte.

  3. @Picki Ich würde sogar noch rudimentärer werden und gleichzeitig einen Schritt weiter gehen: Es gibt sogar gute und schlechte Berater. Viele Menschen leisten tolle Arbeit und bringen Unternehmen wirklich nahe, was sie unterstützen könnte. Das kann man nicht hoch genug bewerten.

    Tatsächlich habe ich mich auch mal gefragt, warum eher bei PR (noch eher als in der Werbung) SM angesiedelt wird, Aber die Lösung ist natürlich einfach: Es ist das alte Denken über die Verwaltung von Information. Und die PR hat dafür die beste Infrastruktur, so glaubt man zumindest. Außerdem ist das natürlich ein Betätigungsfeld in dem Relevanz, -Reichweiten und Wirksamkeitsmessungen von jeher schwierig sind. Dann wird einfach auf die bestehende Erklärlogistik zurüchgegriffen.

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