Der Scheideweg ist immer noch zwei Einbahnstraßen.

Wenn nächste Woche die re:publica2010 über die Friedrichsstadtpalast-Bühne bebt, in der Kalkscheune die bedeutenden Bretter rockt und im Quatsch Comedy Club Kopfmauern einreißt, ja dann wird rechnerisch nur jeder fünfte anwesende Mensch schon die erste re:publica 2007 miterlebt haben.
Mensch, sind die gewachsen, denke ich mir und ziehe dafür vor den Damen und Herren von spreeblick und newthinking meinen Geheimratsecken-verdeckenden Hut. Mensch, sind wir alt geworden, raunen mir gleichzeitig meine graumelierten Koteletten zu.

Was ist seit vier re:publicen passiert?

Internet und Gesellschaft – wenn man die andauernd hitzig geführten Debatten um die Deutungshoheit über das Netz verfolgt, könnte man zu einem falschen Schluss kommen: Nicht viel. Aber das Internet und die Gesellschaft sind tatsächlich nach wie vor eher allein zu zweit, als ein Dreamteam.

Denn:
Das Internet konnte nicht ausgesessen werden. Zeitungen gibt es immer noch. AOL nicht mehr. Google fischt mit dem Netz Geld, Springer auch. Blogs immer noch nicht. Meine Eltern sind bei Facebook, ich zahl GEZ. Netzpolitik ist plötzlich Wahlkampf-, Politik im Netz kein Thema. Auf Barcamps und Konferenzen sind wir zum Glück nicht mehr nur unter uns, sondern leider auch mit denen. Onlinemarketer verteilen jetzt mehr Visitenkarten, als Pleitekommunen Strafzettel. Damit wächst der Gen-Pool, aber die Inzestergebnisse gedeihen beileibe nicht schöner. Internet bedeutet für die meisten immer noch ein regulierbares Risiko, für die wenigsten eine potenzierbare Chance. Mein Kühlschrank kauft nicht von allein ein, aber der Fernseher streamt Filme. Open Source hat sich ebenso durchgesetzt wie der Transrapid. SMS bleibt Leitmedium, Twitter in Zeichen gegossene Banalität. Second Life lebt noch – als Ausrede der Werber, sich nicht mit dem Netz auseinandersetzen zu müssen. Der Shit Storm tobt noch – als Zeichen an die Werber, dass sie das Netz nicht verstanden haben. Internetaktivisten und Berufsmahner blicken weiterhin aufeinander herab und übersehen dabei die surreale Unmöglichkeit dieses Bildes. Es gibt immer noch kein Recht aufs, laut Politik aber auch kein Recht im Internet. Niemand liest durch meine Post, irgendjemand speichert meine Emails. Jede App ortet, aber ich finde mein Handy nicht. StudiVZ lebt, HipHop ist tot.
Das grenzenlose Internet ist begrenzt auf das Internet. Nach den Kriegen um Boden, den Kriegen um Ressourcen, kommen die Kriege um Informationen. Der freie Markt im Netz setzt auf starke Monopole. Journalisten schreiben ebenso viel über Journalisten, wie Blogs über Blogs. Und beide schreiben übereinander. Blogs glauben, Journalisten verpassen den Anschluss, Journalisten glauben, Blogs hätten ihn noch nie gehabt. Wenn ich heute keine Spur von einem gesuchten Menschen im Netz finde, halte ich ihn für tot. Wenn jemand nach Spuren von mir Netz sucht, hält er mich für wahnsinnig. Wir glauben, das private ist politisch und unterstellen, das öffentliche ist privat.

Und wir haben immer noch ein Stürmer-Problem.

Bild unter CC-Lizenz auf flickr.

09. April 2010 von Mathias
Kategorien: Kulturtunke | Schlagwörter: , , , , | 11 Kommentare

Kommentare (11)

  1. Richtig, HipHop ist fast so tot wie Springer & Jacoby.

  2. Update: Sebaso hat Recht. Und ihr so?

  3. Gute Analyse. Und jetzt? Ratlos!

  4. und was soll die Aussage dieses unzusammenhängenden Textes sein?

  5. Pingback: lieblnk.de

  6. Pingback: Glanzlichter 6 « …Kaffee bei mir?

  7. Pingback: internet und gesellschaft | schorleblog

  8. Zustimm. Bis auf dern Transrapidvergleich. Das Internet wird schon lange auf OpenSource befördert, und das nicht nur in China, wenn auch weitgehend unsichtbar.

  9. gut gesagt ist: “Es gibt immer noch kein Recht aufs, laut Politik aber auch kein Recht im
    Internet.”

  10. @Julian. Klar, du hast Recht. Servertechnologien etc. Mir ging es allerdings dabei eher um eine wissentliche gesellschaftliche Akzeptanz und Relevanz.

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