Kein Medium dieses Landes hat mich nachhaltig so geprägt wie die Märkische Oderzeitung. Wenn man im kleinen Frankfurt (Oder) geboren, aufgewachsen und sozialisiert worden ist, kommt man an diesem Tageblatt nicht vorbei. Selbst wenn man wollte. Aber mit der MOZ verhält es sich genauso wie mit so vielen Regionalzeitungen: sie haben das publizistische Meinungsmonopol. Das kann man zu Recht kacke finden, oder ändern. In Frankfurt gab es zu meiner Zeit aber nur ein relevantes journalistisches Gegenangebot: die ersten vier Seiten des kostenlosen Anzeigenblättchens „Der Oderlandspiegel.“ Meinungsvielfalt my ass!
Aber jetzt muss man sich Pluralität auch leisten wollen und das wollen anscheinend nicht so viele, und so gehört für die Frankfurter die MOZ dazu, wie Helenesee und Polentanke. Und zu mir.
Tatsächlich gehe ich jeden Tag an ca. 12 Stelle auf moz.de und dort in meinen heimatverbundenen Lokalteil, um mich wahlweise über die dort zur Schau gestellte Provinzialität lustig zu machen, oder mich mit ihr klammheimlich zu verbrüdern. Auf jeden Fall will ich nicht den Kontakt verlieren und natürlich archiviere ich Lustig- und Nachdenklichkeiten für die nächste familiäre Gartenparty vor Ort. Außerdem lässt sich mit der MOZ auch herrlich aufregen und gelegentlich feststellen, dass ich doch alles richtig gemacht habe, als ich weg ging, um im nächsten Moment bekannte Namen dort zu lesen, oder Orte zu sehen und ein wenig wehmütig zu werden. Ja, die MOZ ist mein Nabel in die gute alte Welt und Zeit und das im besten Sinne.
Moz.de sah bis dahin aus, wie eine Zeitungsseite eben aussieht, wenn man sich sicher ist, das einzig relevante Medienangebot in der Region zu sein. Was relevant bedeutet, kann man übrigens schön am Google Adplanner ablesen: Bis Dezember 2009 max. 7000 Besucher am Tag. (Bei einer Print-Auflage von knapp 90.000 Zeitungen und einer Reichweite von 260.000 Lesern. IVW Q3/2009) Wenn man bedenkt, dass die Zeitung sowohl inhaltlich und tagesaktuell ganz Ostbrandenburg abdecken möchte, dann ist diese Besucherzahl erschreckend gering. Vor allem, wenn man davon ausgeht, dass es genug Menschen wie mich gibt, die zuzüglich auch von außerhalb auf die Seite gehen.
Das hat natürlich Ursachen und Gründe: Zum einen hat das alte moz.de nur eins zu eins den Print-Content gespiegelt, angereichert um ein bisschen Bewegtbildcontent. Zum anderen lud diese Seite auch null zur Interaktion ein: Kommentare hießen Leserbrief und konnten via Kontaktformular an die Redaktion geschickt werden, wo meine beiden jemals versendeten heute noch versanden. Erschienen sind sie jedenfalls nie. Das Layout orientierte sich an den Tabellenlayoutvorgaben von Dreamweaver, jedenfalls sah es so aus. Und so klickten die Besucher sich halt nicht durch die Seiten, sondern gingen exakt dahin wo sie hinwollten und dann ganz schnell wieder weg: 2,6 Pageviews pro Besucher können nicht irren.
Nur in den letzten Monaten tat sich was: Wie in der Google-Grafik oben schön abzulesen ist, gingen die Besucherzahlen seit Juli 2009 spürbar hoch, gleichzeitig wurde die Seite bunter. Wenn auch vornehmlich durch neue und vor allem mehr Banner, aber immerhin: Die Personalstruktur im Haus änderte sich und plötzlich verspürte man Bewegung. Und nach ein bisschen Nachforschungsarbeit hörte ich dann, dass die gesamte Seite vor einem Relaunch steht und das auch noch von ressourcenmangel, den Jungs aus dem Reihenhaus in meinem Herzen. Und natürlich kann ich mir es an dieser Stelle nicht nehmen lassen, diesen nun vollzogenen Relaunch einer genauen Betrachtung zu unterziehen, erstens: weil es mir wichtig ist und zweitens: weil man das ja wohl noch mal sagen darf.
Und das mach ich dann auch endlich mal, nach dieser doch sehr langen Herleitung und keine Sorge: Der Text wird nicht prosaischer. Wer jetzt schon das Interesse am lesen verloren hat, wird es nachfolgend nicht wieder finden. Alle anderen können sich, so viel mag schon gesagt sein, nachfolgend ein wenig überraschen lassen.
1. Die Hauptnavigation.
Titel, Wetterbericht, Suche und die soll auch noch semantisch sein. (Unten mehr dazu -> siehe Reginalnavigatior zzgl. einer Besonderheit). Ansonsten alles wie man es braucht und kennt und das Rad nicht neu erfunden. Warum auch, läuft doch.
2. Der Header.
In den Header integrierte Navigation scheint gerade hipp zu sein. Jedenfalls begegne ich ihnen öfter im Netz, als meinen Hauswart bei der Treppenreinigung. Moz.de setzt nun also auch auf dieses Prinzip und bohrt es noch ein wenig auf:
Unterteilt in drei Bereiche (Aktuelles, Themen und Internes (?)), die sich jeweils noch einmal in Unterthemen gliedern und aufhovern, wenn man mit der Maus rüberfährt. Was dynamisch daher kommt und Inhaltsvielfalt darstellen soll, irritiert aber zunächst. Erst wenn man dann das Prinzip erahnt, und so lange brauchte ich dafür nicht, wird es verständlich. Gleichzeitig wirkt das ganze optisch sehr unruhig und die größte Herausforderung für die Redaktion wird es sein, immer passende Teaserbilder zu finden, ohne in einen grafischen Kessel Buntes zu verfallen. Übung macht hier wohl den Meister und ich gehe mal schwer davon aus, das hier bald Bilderlandschaften entstehen, schöner als der Oderbruch im Frühling.
3. Der obere Content-Bereich.
Halleluja! Das erste Navigationshighlight auf der Seite.
Default stand der obere Navigationsreiter auf „Brandenburg“. Nun gut, dachte ich mir und wollte auf „Nachrichten“ klicken, was einem Griff ins Leere glich, wie einem toten Mann ins letzte Hemd. Da war nichts, da ging nichts. Nicht klickbar. Erst auf dem zweiten Blick bemerkte ich den minimalen Typo-Größenunterschied zu den anderen Reitern, was mir anscheinend sagen soll, dass „Nachrichten“ nur eine Navigations/Rubrikenbeschreibung darstellen soll. Möööp! Das ist blöd, das ist mir zu wenig unterscheidbar, das sollte man anders lösen. Dann aber alles toll.
Zu den einzelnen Reitern (Brandenburg, Deutschland, Berlin und Vermischtes) gibt es jeweils einen großen gefeatureten Aufmachertext und darunter sichtbar drei zusätzliche relevante, oder aktuellen Themen zu dem jeweiligen Reiter. Benutzt man die unteren Pfeile zur horizontalen Navigation, schieben sich jeweils drei neuen Unterthemen in diese Contentbox ein. Es sieht zumindest so aus, als ließen sich diese Themenseiten erweitern, jetzt sind es jeweils drei pro Reiter. Toll und gut gelöst, um einen schnellen Über- und Einblick zu bekommen.
4. Der untere Themenbereich.
Folgt zu mindestens strukturell dem oberen Themenbereich. Das man hier die Themen Wirtschaft, Sport und Regionales in eine vertikale Navigation übernommen hat und nicht zum Beispiel als zusätzliche Reiter im oberen Bereich, kann nur eine berechtigte grafische Lösung für den Bodybereich gewesen sein, aber keine inhaltlich bedeutsame. Zumindest erklärt sie sich nicht. Egal, sie funktioniert und ist logisch und einfach zu bedienen.
Ich gehe davon aus, dass die Themenreiter oben und die Themenbereiche unten modular und redaktionell verschiebbar angelegt wurden, so dass hoffentlich natürlich „Wirtschaft“ ebenso ein Reiter werden, wie zum Beispiel „Berlin“ nach unten rutschen kann.
5. Die Sidebar.
5.1. Der Regionalnavigator.
Mal heißt es semantische Suche, mal Geo-Tagging, mal bei derwesten.de, jetzt bei moz.de. Am Ende werden eben alle Texte und Beiträge, die zu einem Thema oder einer Region vertaggt wurden in Themencontainer zusammengefasst und abgebildet. Überhaupt kein Hexenwerk und für mich eher eine redaktionelle Pflicht, auf gute und präzise Verschlagwortung zu achten, als besonders herauszustellendes Feature. Inhalte suchen, Inhalte finden und fertig. Wie gut und präzise semantische Suchen funktionieren, nun ja, nach dem heutigen Stand mehr Hoffnung als Wirklichkeit und ich glaube auch für die bisherige Nutzerstruktur der Seite und zukünftige User technisch vollkommen egal.
5.2. Die Videos und die Mediathek.
Ein kleines Ärgernis. Wenn ich Glück habe, interessiert mich der Film über die “20 Jahre Moz-Party”, der auf der Startseite gezeigt wird.
Wenn ich Pech habe, interessiert er mich so sehr, dass ich nach noch mehr Filmen schauen will. Dann muss ich nämlich in die Mediathek, dem Labyrinth des alles Möglichen und damit auch des alles Unmöglichkeiten. Versuchen wir doch mal den Klickweg des obigen Videos in der Mediathek nachzuvollziehen:
1. Klick auf Mediathek, in den Bereich Video. Wahnsinnig viele, sich nicht selbsterklärende Screenshots aus mir unbekannten Videos.
2. Klick auf “Lokales”. Natürlich nur geraten, das Video könnte ja auch überall sein, aber ich sehe nur wieder unglaublich viele Screenshots.
3. Klick auf Frankfurt (Oder), denn da müsste die Party ja gewesen sein. Und außerdem wird der Screenshot des Videos schon angezeigt. Zum Glück mit Schrift, so dass ich weiß was das ist. Die anderen Videos kommen hingegen alle gänzlich ohne Beschreibung aus.
4. Klick auf das Party-Video und erst dort, nach diesem sehr langen Klickweg, bei dem ich sogar schon wusste was ich suche, kann ich das gesuchte Video sehen. Das ist mir eindeutig zu viel Ratespiel und auf gut Glück, aber auf jeden Fall gut für die PIs.
Auch erst hier werden mit allerlei Möglichkeiten angeboten, das Video im Netz zu streuen, einen Embed-code suchte ich allerdings vergeblich. So blöd wäre der aber nicht, gerade um zum Beispiel die lokalen Blogs ein wenig zu füttern. Aber es wird wohl Argumente dagegen gegeben haben, sonst wäre er ja da. Seitentraffic und Visitors lassen sich halt nach wie vor besser vermarkten, als Videoabrufe. Gerade für so ein relativ kleines Nachrichtenangebot wie moz.de.
5.3. Termine.
Fetzt! Per RSS abonnierbar und aktuell.
Und außerdem kann man seine eigenen Termine anlegen, von denen ich ausgehe, dass sie nach redaktioneller Prüfung im Kalender auftauchen und für jeden sichtbar sind. Ich persönlich finde, dass der Kalender einen prominenteren Platz auf der Seite verdient hätte und das Ende der Sidebar, knapp über den Footer, ihm nicht gerecht wird. Das Ding hat einen klaren Servicecharakter und damit würde ich auch prominent angeben.
6. Der Footer.
Wie so ein Footer eben so ist und auch sein sollte. Klar und strukturiert.
Grundsätzlich Gutes.
Jeder Artikel kann frei kommentiert werden. Wie viele User das in Anspruch nehmen werden, bleibt abzuwarten. Gerade weil jede noch so kleine Nachricht kommentierbar ist, sieht man auch sehr schnell, wenn es weitgehend ruhig bleibt. Ich glaube auch nicht das es nötig ist, überall die Möglichkeit zum rumsenfen zu geben. Bei den Themendossiers, die einen tiefen Einblick in die beschriebenen Bereiche geben und somit genug Stoff für eine fundierte Diskussion, sind Kommentare super. Auch “Meinungen” gehört kommentiert, aber beim Rest ist rumgemeine meist uninteressant und redundant. Wir werden sehen, aber ich bin der festen Überzeugung, das man da in Zukunft sich wieder verschlanken kann und wird. Und das ist auch gar nicht schlimm.
Grundsätzlich Blödes.
Beim ganzen Semantikthema ist eines scheinbar untergegangen: Wo ist mein RSS-Feed für Frankfurt (Oder)? Ich brauch nicht mal einen Vollfeed, aber ich will wenigstens in meinem Reader angetriggert werden, ob sich ein Klick lohnt. Ein Feed-Button lohnt sich immer. Die User, die sich nicht damit auskennen oder nicht nutzen, ignorieren ihn. Die User, die RSS nutzen danken es mit Klicks und Treue. Genauso verhält es sich mit den Themencontainern, Meinungen und Ressorts.
Grundsätzlich Wünschenswertes.
Gebt den Usern mehr Raum! Ermöglicht User-Blogs. Vielleicht sind es am Ende nur 5, 20, oder sogar 100, aber diese Blogs identifizieren sich dann mit der Region, mit den Menschen, bringen sie dazu immer wieder zu klicken und bilden vielleicht eben genau die pluralistische Meinungskultur ab, die ich oben noch vermisst habe. Und stellt euch doch mal vor, es gäbe auf moz.de ein MOZ-Watchblog. Wie großartig kritikfähig würde sich die Zeitung präsentieren können.
Fazit.
Guter Aufschlag! Kein Vergleich zur vorherigen Seite. Grafisch völlig neu und anders, fühlt man sich doch gleich zu Hause. Das mag an den Farben liegen, oder was auch immer, aber es ist sofort wieder moz.de, wenn auch hübscher. Ein paar Kleinigkeiten wie beschrieben und ein paar dicke Bretter wie bemängelt würde ich noch bohren, aber ansonsten kann man der MOZ zum Relaunch gratulieren. Es macht Spaß zu klicken und sich zu informieren. Ich wünsche mir für die Zukunft noch ein paar spitze Federn und vor allem ein paar redaktionelle Onlineformate, die mich unabhängig von der Nachricht auch auf die Seite locken. Das war es!
Hat bis hierhin überhaupt einer gelesen?















