re:publica11 – Vom Engagement und Enpowerment: Über meine, deine, unsere Verantwortung.

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Die re:publica11 kommt zum ersten Mal in ihrer Geschichte ohne eigene Überschrift oder Motto aus. Das fällt kaum auf, haben die Motti in der Vergangenheit sowieso nur die Funktion eines prosaischen Rahmens gehabt, der auch zugleich und jedes Mal von der tatsächlichen Substanz gesprengt wurde. Dieses Jahr wurde also gleich von Anfang an darauf verzichtet. Zu Unrecht.

Über fast allen Panels standen, entweder in der Überschrift, im Subtext oder im Vortrag selbst, zwei Wörter: Engagement und Empowerment. Für die re:publica-Besucher der ersten Stunde werden diese Vokabeln nichts neues sein, allerdings hat sich ein fundamentaler Paradigmenwechsel vollzogen:

Gunter Dueck @wilddueck

«Zur Politik habe ich eine Meinung: Ich möchte, dass Sie sich damit befassen!»
Gunter Dueck

Es geht um´s selbst machen! Den Arsch hochkriegen und selbst machen. Nicht mehr warten, bis sich etwas bewegt – sondern es eben selbst machen. Meint aber auch: Es gemeinsam selbst machen. Und vor allem den kleinen, sich selbst be- und verengenden netzpolitischen Themen – und Fankreis verlassen und das große Ganze angehen.

Die dicken Bretter bohren.

Der im Zitat und Bild verlinkte Gunter Dueck bringt es in seinem Vortrag sehr gut auf den Punkt: „Web2.0 sind Sie alle – gekauft. Bitte jetzt nicht auch noch Web3.0 werden. Sie entfernen sich immer weiter von der Realität.“

Endlich geht es um die eigene Verantwortung. Um meine, um deine, um unsere. Und plötzlich sind sie weg: Die erhobenen Zeigefinger Richtung der Offliner. Denn auf einmal wird es schwierig.

Markus Beckedahl hat mit anderen den Verein “Digitale Gesellschaft” gegründet. Und schon hagelt es Kritik. Präziser: Es hagelt vor allem Kritik.

Und ja, die Kritik trifft. Sie ist berechtigt. Allerdings bin ich mir sicher: Die Initiatoren nehmen sich ihrer an. Denn genau das wird zum entscheidenen Kriterium dafür, ob dieser Verein zukunftsfähig und glaubhaft handeln kann. Die vorgeworfene Intransparenz muss schnell als kommunikativer Geburtsfehler in die Vereinsgeschichte eingehen, um effektiv wirken zu können. Denn ja, ich glaube an die Notwendigkeit einer starke aktivistisch gesteuerte netzpolitischen Lobby, die Druck aufbaut, Zugänge nutzt, Einfluss nimmt und mobilisiert. Tödlich für eine solche Institution mit diesem Anspruch sind allerdings Zentralismus und die laut kritisierte Intransparenz. Aber: Auch hier gilt – Druck verändert Zustände. Also bringt euch ein. Laut und öffentlich.

Eines gilt für mich aber auch:

Wir brauchen mehr.

Was ich damit meine, kommt jetzt in einem Provo-Absatz.

<provo> Netzpolitik ist scheißegal. Heutige Netzpolitik ist definiert von infrastrukturellen Themen, die in Zukunft keine Rolle mehr spielen werden. Nicht im einzelnen und nicht in einem breiten gesellschaftlichen Diskurs. Infrastrukturelle Probleme werden materiell gelöst. Politische Ideologie kann dabei heute nur noch Beschleuniger oder Bremser sein, aber nie mehr Verhinderer. Belege finden sich in jeder Despotie und Diktatur, die das Internet nicht mehr raushalten können. Bremsen, zensieren, temporär kappen – aber nicht mehr aufhalten. </provo>

Wir reden tatsächlich über eine zukünftige “digitale” Gesellschaft, von deren Auswirkungen, ihrer gestalterischen Kraft, ihrer Ausprägung und ihren Herausforderungen selbst wir nur einen feuchten Pups erahnen können. Wie wird sich eine digitale Gesellschaft organisieren und was bedeutet das für jeden einzelnen von uns. Die Definitionen von Arbeit, Entlohnung, sozialem Zusammenhalt und Absicherung, ja sogar die Interpretation des eigenen Individuums werden in diesem gleichen Atemzug nicht nur hinterfragt werden müssen, sondern auch in Frage gestellt.

Das sind auch keine abstrakten Debatten, wie sie sich hier lesen, dass sind realistische Entwicklungen in der nächsten Dekade. Es muss also darum gehen genau das heute vorzudenken, Szenarien zu entwickeln und diese Debatten anzustoßen. Wenn wir also über alles reden müssen, was eine, was unsere Gesellschaft in Zukunft prägen wird, wenn wir also Platon-like die “Ideale digitale Gesellschaft” beschreiben können – ja, dann greift jede netzpolitische Debatte viel zu kurz und wird uns keinen Schritt weiter bringen.

Wir kritisieren zu Recht, dass Politik und Medien immer die Gefahren des Internets beschreiben und nie die unfassbaren Chancen betonen. Nun Leute, zur Wahrheit gehört auch:

Wir sind konservative Angstbeißer.

Jeder netzpolitische Kampf der Vergangenheit war ein Abwehr-Kampf. Wir bewegen uns erst, wenn der Bagger im Vorgarten steht. Wir sind der “digitale Wutbürger” und nein, wir brauchen keinen Verein der uns mit digitalen Forken versorgt.

Und ja, aus dieser Perspektive betrachtet, ist der Vereinsname “Digitale Gesellschaft” mindestens vermessen und nimmt für sich in Anspruch, was er nie leisten kann.

Es ist unsere Aufgabe, Visionen zu entwickeln, sie zu diskutieren und ja, mit Hilfe aller demokratischen Mittel zu versuchen, sie umzusetzen oder zumindest dorthin zu bringen, wo Staat gemacht wird – in die Parteien, in die Parlamente, in die NGOs, in die Lobbys, in die Wirtschaft, auf die Straßen, zur Bäckerin um die Ecke. Wir selbst müssen aber erst einmal lernen, die Chancen dieser kommenden “digitalen Gesellschaft” zu betonen und noch viel schwieriger im Vorfeld – diese erst einmal selbst erkennen und formulieren.

Ja, es braucht diesen Verein. Jetzt und heute. Aber morgen müssen alle verstehen:

Wir brauchen mehr!*

<provo>*aber ich bezweifle, dass viele diesen anstrengenden Berg überhaupt besteigen wollen.</provo>