Keine Zeit für Fehler.

Nachdem ich gestern Sebastian Nerz, den Bundesvorsitzenden der Piratenpartei beim Bowle-Pelzig gesehen hab und heute morgen die teilweise vernichtenden Kritiken seiner Mitpiraten in meine Timeline spühlten, war ich leicht irritiert. Ungläubiges Kopfschütteln allerdings übermannte mich, als sich mir dieses Interview von Nerz auf heute.de und die Reaktion der Berliner Piraten vor meinen Augen auftat. Ungläubig deshalb, weil die Piraten schneller im politischen Medienzirkus angekommen sind, als ich es für möglich hielt.

Und dann entwickelte ich beim Zähnputzen folgende noch unausgegorene steile These: Die Geschwindigkeit des Digitalen wird die Eingliederung der Piraten-Partei in das alteingessene Parteiensystem und der damit einhergehenden strukturellen Assimilation, mit allen Vor- und Nachteilen, der Partei in das politische Getriebe wahnsinnig beschleunigen. Die Piraten werden nicht so lang wie die Grünen brauchen, um sich nahtlos einzufügen.

Warum? Nun, entgegen ihrer offensiv nach außen getragenden Koketterie des „noch nicht Bescheid wissens“, des „sich noch einlesen müssens“ in politische Themen und Sachzusammenhänge, das bewusste spielen auf Zeit, die viele Wählerinnen und Wähler und Beobachter bereit sind zu geben, geben sich die Piraten diese notwendige Zeit intern überhaupt nicht.

Da wird sofort zurückgeschossen, auf Twitter zurückgemeint, auf Presse-Anfragen zu „ihr Mitpirat hat das und das gesagt – Wie ist denn ihre Meinung dazu?“ sofort geantwortet – aus allen digitalen Rohren werden die Stellungen befestigt.

Das ist natürlich grandios blöd. Denn was ist denn die logische Folge aus all dem? Ein jetzt schon vollkommen verunsicherter Bundesvorsitzender, der einem Grantler wie Pelzig gegenübersitzt und ihm nichts entgegensetzen kann – nicht nur persönlich, sondern auch inhaltlich, weil er weiß, dass er danach nicht in seine Twitter-Timeline schauen sollte, wenn er noch einen entspannten Abend haben möchte. Also sagt er lieber gar nichts und druckst rum, wenn es konkret werden sollte und kichert verschämt, wenn es um´s kiffen geht. Ein waidwunder Vorsitzender, schon jetzt eine „Lame Duck“.

Wenn man sich diesen wirklich guten Text über die Piraten durchliest, kann man sich leicht ausmalen, wohin die Reise gehen könnte: Flügelbildungen, nicht nur entlang inhaltlicher und programmatischer Fragen, sondern jetzt auch schon sichtbar zwischen einzelnen Landesverbänden.

Und all das geschieht im digitalen Raum, gegeneinander, übereinander, wahnsinnig schnell, irrsinnig verknappt. Keine Atempause, Politik wird gemacht, es geht voran. Aber wohin?

Mitten hinein in ein politisches System, in dem man sich für ein bißchen Ruhe und Zeit, Nischen und Räume sucht, die nicht unter permanenter Beobachtung und Begleitung stehen. Soziale Parallelstrukturen, die nicht dem Geschwindigkeitsdiktat der Öffentlichkeit unterliegen. Vorabsprachen, Flügelentscheidungen- und Mehrheiten, die auch nicht Liquid Feedback verhindern kann. Und das nicht erst in fünf, zehn Jahren, sondern rasant spätestens bis Ende 2012, sollten sich die Umfragen der Piratenpartei bundesweit verstetigen und es in den Bundestagswahlkampf geht und darum, eigene Interessen durchzubringen.

Aber um das bestehende zu erhalten, braucht es keine Piraten.

19 Antworten zu “Keine Zeit für Fehler.”

  1. panaschiert sagt:

    Stimmt schon, der Erfolg bringt seine eigenen Mechanismen und Logiken mit sich. Die Alte Welt hört „Partei“ und „Wahlerfolg“, und will gleich mal paar Medienstars für die Bild und fürs ZDF haben. Will Grüne 2.0. Aber man muss da ja nicht mitspielen.

    Die Grünen hätten sich vor dem Joschka-Realo-Durchmarsch wohl auch nicht träumen lassen, zu dem zu werden, was sie nun geworden sind nach dem Realo-Durchmarsch. Das Gute ist, sie können heute als schlechtes Beispiel dienen, und „mach hier nicht den Joschka“ könnte geflügeltes Piratenwort werden, wenn einer für vermeintlichen Erfolg Grundsätze über Bord werfen will.

    Dass sie keinen charismatischen Führer haben, ist ihr großer Vorteil.

  2. siegstyle sagt:

    Mal Hand aufs Herz (und ich schließe mich da nicht aus):

    Sind die Piraten nicht auch Ausdruck einer digitalen Besserwisser-Klientel, die sich seit etwa 10 Jahren in Blogs, Foren und sozialen Medien austobt?

    Im Grunde sind sie auch die Plattform für deren Entstehung: der Wunsch es auch in der realen Welt nun besser zu machen. Leider muss man aber – ohne Häme – sagen, dass die Aussagen von Nerz zum Urheberrecht wirklich dürftig waren. Und das zum fahrscheinlosen ÖPNV auch.

  3. Felix sagt:

    Ich sehe das nicht so. Das ist heißer diskutiert, als es wirklich ist, denn die, seit der Berlinwahl vielen öffentlichen Auftritte und Interviews von Piraten haben nicht diese ablehnenden Reaktionen verursacht. Es geht mE nicht um die Partei, sondern um den Bundesvorsitzenden. Denn dieser war von anfang an umstritten und hat eine Linie vertreten, die vielen Basispiraten nicht schmeckte und bis heute nicht schmeckt. Ich denke, seine scheinbar schwache Position, derer er sich bewusst zu sein scheint, und die Angriffslust seiner Gegner kommen daher.

    Mir zeigt die Reaktion viel mehr, dass die Partei noch gesund ist, weil sie eben gleich aufmuckt, wenn der Vorsitzende „wir“ sagt, obwohl die Partei dazu noch keine Position hat und er eigentlich „ich“ meint.

  4. Tim sagt:

    Die Sachfragen des ZDFs waren aber auch einfach bescheuert. Viele Journalisten scheinen es noch immer für erstrebenswert zu halten, daß ein Politiker jedes Detail kennen und können muß. Idiotisches Politik- und Demokratieverständnis!

  5. jojo sagt:

    Der Abschlusssatz ist „Aber um das bestehende zu erhalten, braucht es keine Piraten.“ ist nicht ganz korrekt. Den das bestehende können die grßen Parteien tatsächlich nicht wahren. Sie sind bereits so stark etabliert, dass ihre inneren Mechanismen gegen die Bürger arbeiten. (Sozialpolitik, Finanzpolitik, Überwachung, Bildung ect.). Es braucht schon Parteien um zumindest den Stand nicht weiter zu verschlechtern.

    Was der Satz meint, dass die Piraten den Anspruch haben etwas systematisch strukturell zu verändern, sich aber stattdessen absehbar vollständig integrieren, die strukturellen Umbrüche vermutlich verfehlen.

  6. Tim sagt:

    Keine Zeit zum Nachdenken. Ich könnte das kotzen kriegen, wenn ich sehe, dass die Berliner Piraten möglicherweise eine Accenture/McKinsey/Microsoft-Beraterin zur Stadträting machen wollen, oder Andrea Fischer, abgehalfterte Gesundheitsministerin und ehemalige Pleon-PR-Beraterin zur Bezirksbürgermeisterin in Mitte mitwählen. Ganz schön geschmeidig, die Herren.

  7. Sven sagt:

    Was mich viel mehr verwunderte: Ich hatte eigentlich gedacht, es würde ein neuer Politikstil angeschlagen. Einer, in dem man eben nicht nur inhaltsleeres Gefasel von sich gibt, das eh schon jeder weiß. Jeder „Polittalk“ verläuft doch so, gerade vor Wahlen: Die Leute, die dort sitzen, geben das Wahlprogramm wieder – mit einer Argumentation, die man von weiter oben schon vorher hörte.

    Mal ganz konkret, wie es auch im Presseclub anklang: Auf die Frage „können Sie sich vorstellen, mit den Grünen zu koalieren?“ möchte man doch nicht mehr eine Antwort à la „Erstmal möchte ich mich bei all unseren Wahlhelfern bedanken, die wirklich gute Arbeit geleistet haben. Wir haben unsere Ziele zwar nicht ganz erreicht, aber dafür einen beachtlichen Erfolg erzielt. Heute wird dann erstmal gefeiert und ab morgen dann Sondierungsgespräche angesetzt, bei denen natürlich auch die Grünen eine Rolle spielen werden.“, sondenr etwas hören wie „Natürlich könnte _ich_ es mir vorstellen, da ich einige Überschneidungen mit dem Programm sehe. Ob das meine Partei ebenso sieht, wird sich dann ab morgen abzeichnen. Und dann müssen wir natürlich schauen, ob wir bei Streitpunkten, allem voran wahrscheinlich der A100-Frage, zusammenkommen können.“

    Und genau in diesem Stil muss doch auch ein „Wenn wir unsere Forderungen umsetzen können, wäre rot-grün-orange durchaus denkbar“ möglich sein. Über die „fehlende Bescheidenheit“, die da quasi sofort kritisiert wurde, könnte man natürlich reden, wenn die Frage gelautet hätte „Wo sieht sich die Partei 2013“ und dann „[…] und dann könnten wir uns auch rot-grün-orange vorstellen“ gefallen wäre. Aber die Frage wurde von heute.de nunmal gestellt. Und das, was wir sicherlich nicht mehr wollen, sind Leute, die mit noch mehr „diese Frage stellt sich im Moment nicht, warten wir erstmal die Wahlen ab, es liegt noch viel Arbeit vor uns, …“-Geschwurbel antworten.

  8. Stefan Schwanhold sagt:

    Der Unterschied: Bei den Grünen waren Idealisten am Werk. Welches Ideal vertreten die Piraten? Freier Zugang zu Pornoseiten, auch am Arbeitsplatz? Künast hatte vollkommen recht: Diese Heinis stehen außerhalb der Gesellschaft, sind quasi eine Sekte. Ob sie partout resozialisert werden sollten, wie es Renate vorschlug, ist noch mal die Frage. Sorry, ich krieg das kalte Kotzen, wenn ich diesen Latzhosenträger sehe. Der Typ hat intellektuell null, nada, rien, zero zu bieten. Christopher Lauer stammelt sich einen zurecht, dass es eine Qual ist. Allerdings: Auch Beckedahls Stimme (wann kommt der eigentlich in den Stimmbruch?) nervt extrem (siehe ARD-Interview mit Ingo Zamperoni). Die Vorstellung, dass mich eines Tages Dilettanten regieren könnten, deren einzige Leistung darin besteht, unfallfrei einen Laptop aufzuklappen, lässt mich ans Auswandern denken.

    • Lauscher sagt:

      Arrrrgh! OK, dann tu das. Es wird dich niemand dran hindern – und nachdem, was ich hier von dir gelesen habe, wahrscheinlich kaum jemand vermissen.

      Entschuldige, aber ein solcher Kommentar verdient eine derartige Antwort. Wobei der Sektenvergleich fast schon wieder komisch ist, so absurd ist er.

    • ekkiTrack sagt:

      Stimme Stefan zu. Heute war BundesPK mit den Piraten. Erste Frage: „Wollen Sie den Euro-Rettungsschirm weiter aufstocken?“ Antwort: „Dazu haben wir noch keine Meinung“, sagt Sebastian Nerz, Piraten-Bundesfurzender. „Wie sieht Ihre Außenpolitik aus?“. „Das haben wir noch nicht endgültig entschieden.“ „Wollen Sie Steuern erhöhen?“ Antwort – sinngemäß: „Mal sehen.“ Weiter im Pogrom: „Kaufen dann die Wähler bei Ihnen nicht die Katze im Sack?“ „Nein“, antwortet Nerz. „Jeder kann sich über Liquid Feedback über den Diskussionsstand in unserer Partei informieren.“ Liquid was? Ja nee, is klar. Die Journalisten reagieren super: „Sie wollen doch Prozesse transparenter machen, benutzen aber trotzdem Begriffe, die viele nicht verstehen.“ „Stimmt“, entgegnet Marina Weisband, politische Piraten-Geschäftsführerin. „Uns ist es wichtig, dass sich alle beteiligen.“ Hä? Hat die ne Vollmeise? Letzte Frage: „Wie fühlen Sie sich eigentlich?“ „Gut“, sagt Andreas Baum, Berliner Piratenfraktionsfurzender. „Ich finde es gerade ganz toll, die eigenen Ideen zu präsentieren.“ ICH GLAUB, ES HACKT!! Dann doch lieber Sonneborns PARTEI. Die ist wenigstens lustig.

    • nik sagt:

      @Stefan Schwanhold
      @ekkiTrack

      Tja, wenn Euer Anspruch an politischer Teilhabe ist, alle Jubeljahre mal drei Kreuze zu machen und ansonsten darauf zu vertrauen, dass „die da oben“ schon den Durchblick haben werden und schon alles korrekt machen – wir sehen ja täglich, wie toll das funktioniert – dann müsst Ihr eben Schwarz-Geld oder die ehemaligen Volksparteien wählen. Das ist Euer demokratisches Recht. Am Stammtisch sich dann darüber aufzuregen übrigens auch.

      Zuzugeben, dass man etwas (noch) nicht weiß, ist eine Stärke, keine Schwäche. Und wer eine Partei nach dem Kandidaten mit dem sympathischsten Lächeln und der tiefsten Stimme auswählt, wünscht sich vermutlich auch den deutschen Kaiser zurück. Der war doch wenigstens noch schillernd.… m(

  9. LHME sagt:

    @ vorredner :Wow, so viele sachliche Argumente, da kann man nur staunen und ausnahmslos alle haben was mit dem Artikel zu tun.

    Ich seh die Sache übrigens recht ähnlich die Kommunikationswege die die Piraten nutzen bilden mit ihrer relativen unerfahrenheit grad nen gefährlichen Motor Richtung Abstellgleis . Als bundesvorsitzender sollte man dann vielleicht auch mal ganz ohne Wertung zu Besinnung aufrufen . Keine Ahnung warum sich die Piraten im Moment so treiben lassen , das die Medien Sie so befeuern würden war klar. Sie haben genügend Zeit , die sollten Sie sich auch nehmen .

  10. Claudia sagt:

    Ich finden die Kritik übertrieben. Ein solcher Wahlerfolg für eine im Politikgeschäft nicht besonders erfahrene Truppe bringt es zwangsläufig mit sich, dass es in der ersten Zeit öfter mal knirscht – erst recht, wenn man sich eben nicht auf die Gebräuche der etablierten Parteien einlassen will, die „das Volk“ in wachsenden Teilen so unsäglich anöden.

    Wer will denn die glatten Politikerreden haben, die vor allem deshalb oft so nichtssagend sind, weil sie keinen Flügel vergrätzen, kein Gremium vorweg nehmen und keine Kritik von Presse und Bürgern riskieren wollen?
    Da ist es doch vergleichsweise in Ordnung, wenn man statt dessen mitbekommt: da sagt ein „Ober-Pirat“ was, was der Parteibasis oder Teilen davon nicht passt – und schon wird das auch mitlesbar ausgetragen…

    Die Piratenpartei hat aufgrund ihres anderen Politikverständnisses (Transparenz, Mitsprache etc.) auch mehr Schwierigkeiten, eine eigene Form des „Business as usual“ im Parlamentsbetrieb zu entwickeln. Es ist zwar eine edle Idee, immer nur öffentlich zu tagen, in der Praxis BRAUCHT es aber auch mal Treffen, in denen man ohne Blitzlichtgewitter und Presse-Beobachtung Strategien und Taktiken diskutieren kann – und wenn man dem keine offizielle Struktur gibt, dann entwickeln sich eben „Kungelrunden“ in Kneipen und am Telefon (das hab ich selbst in den 80gern bei der Alternativen Liste, Vorläufer der GRÜNEN erlebt, die ebenfalls mit diesem Anspruch angetreten sind).

    Dass die Piraten derzeit bei Pressekonferenzen und anderen Auftritten keine Antworten auf diverse Mega-Themen haben, finde ich nur zu verständlich – und sympathisch, dass sie es auch so sagen.

    Allerdings wünsche ich mir, dass sie die Gelegenheiten ergreifen und aktiver eigene Inhalte einbringen – also die Themen, zu denen bereits Meinungen vorliegen oder zumindest ein berichtenswerter Stand der Diskussion. (Wie IST der eigentlich bezüglich der aktuellen Aktivitäten der Datenschützer gegen Facebook-Fan-Seiten und Like-Buttons?)

    Und: „Bei uns ist alles online, aber man findet nichts“ sagte kürzlich ein Berliner Pirat. Ja, das ist ein großes Defizit, das Web-Wirrwarr der Piraten erfüllt das Versprechen derzeit nicht, dass man da „mitwirken“ könne, auch ohne Parteimitglied zu sein. Unzählige Seiten, Parteigliederungen, Crews, Foren, Blogs und natürlich irgendwo auch „Liquid Democracy“ (das nicht für den Normalbürger erläutert wird, sondern eine technische User-FAQ dem Informationshungrigen zur Ansicht bringt) – ich hab schon ein paar mal ein paar Minuten rumgesucht auf der Suche nach dem virtuellen Ort, wo die Berliner Piraten Aktuelles diskutieren – vergebens. Jede Menge Seiten, die auf andere Seiten und Gliederungen verweisen, ein wirres Web, das den einfachen Informationsbedürfnissen nicht-interner Interessenten einfach zu wenig bietet.

    Man glaubt es kaum, dass die Netz-affinste Partei Deutschlands online fast so unergonomisch ‚rüber kommt, wie heutzutage das Usenet wirken würde, wenn es noch jemand ansähe!

    Trotzdem: gut, dass es sie gibt!

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