Über das Parken im Prenzlauer Berg.

Dem kennenden Leser wird schon in der Überschrift die Asynchronität zwischen meinem echten Leben und Textanspruch aufgefallen sein. Nicht unwesentlich zur Verwirrung trägt der Umstand bei, dass ich mangels Führerschein weder über das Anrecht noch über genügend Wissen verfüge, um über die, in eben dieser Überschrift intendierter, Thematik qualifizierte Äußerungen, geschweige denn eine Bewertung vor nehmen zu dürfen. Und doch: Ich bin so frei.
Wie es sich für ein durch und durch durchgentrifiziertes doppelverdienendes Pärchen im Prenzlauer Berg (wir sagen hier auch gern “Prenzlberg”) gehört, fahren wir eine Riesenkarre. Also sie, denn sie verfügt, der Leser wird es ahnen, über eine gültige Fahrerlaubnis. Gehören tut der 97er Volvo V70 mit über 170PS aber uns beiden, denn wir beide tragen zu gleichen Teilen die laufenden Kosten für das Fahrzeug. Darüber hinaus bin ich seit nun mehr fast 13 Jahren professioneller Beifahrer und kenne mich daher bestens mit der StVO, dem Fahrverhalten meiner Mitmenschen und vor allem über verbesserungswürdige Fahrangewohnheiten meiner Freundin aus.
Ein Wissen, das ich zu ihrer sich während einer langen Fahrt kontinuierlich steigernden Freude auch gern mit ihr teile. Manchmal erwähne ich gewisse Dinge gern mehrmals, damit sich Gesagtes verfestigt und mein gutgemeinter Tipp eine tatsächliche Handlungsveränderung nach sich zieht. Kommen wir aber zurück zum Thema.
Wer im Prenzlauer Berg wohnt und Besitzer eines passendem Gefährtes ist, kennt das Problem besser als die aktuellen Benzinpreise: Die Parkplatznot im Szenekiez. Seit fast 10 Jahren ziehe ich von einem privatvermieteten sanierten Altbau in den nächsten. Bei jedem Umzug lasse ich Altlasten zurück, werfe Umrat weg, entledige mich von Ballast und stürze mich ins neue Leben. Tatsächlich ist jeder Umzug ein Neuanfang. Die Parkplatznot aber nehme ich mit. Dieses Problem ist rein mathematischer Natur und deshalb auch leicht über eine Verhältnisgleichung zu beschreiben: Die Berliner Bauweise eines Wohnblocks besteht meist aus einem Vorderhaus, einem Quergebäude und einem Hinterhaus. In jedem dieser Hausteile zahlen durchschnittlich 12 Mietparteien gern die ca. 4€ pro Quadratmeter über dem Mietspiegel liegenden Mondpreise für ihre schmuck bestuckte Wohnung. Das macht 36 Mietvertragsinhaber pro Wohnblock. Dem stehen ungefähr acht Parkplätze pro Hausnummer gegenüber. Selbst wenn nur die Hälfte dieser Menschen ein eigenes SUV besitzen, um Biolebensmittel aus der Region zu besorgen, sind das immer noch zehn Parkplätze zu wenig. Pro Aufgang! Hinzu kommen noch die unzähligen Karren, meist mit westdeutschem Kennzeichen, deren mittelalte Besitzer in Partnerlook-Freizeitjacken Berlin einmal so erleben möchten, wie es wirklich ist im Prenzlauer Berg und dafür eine der zahlreichen im letzten Jahr entstandenen Ferienwohnungen anmieten, die deren gewitzte Eigentümer im Internet feilbieten. Die Stadt Berlin hat im letzten Jahr darauf reagiert und großzügig Parkscheinautomaten aufgestellt, deren Benutzung durch Heerscharen von Ordnungsamtmitarbeitern überwacht werden. Der geneigte zugezogene Anwohner kann sich durch den Erwerb einer Anwohnerplakette für zwei Jahre freikaufen und überall in seiner Zone parken. Wie und wo die Zonengrenzen verlaufen ist sicher im Internet zu recherchieren, aber nicht immer nachzuvollziehen. Dadurch haben wir auch schon trotz Anwohnerplakette einen Strafzettel bekommen, aber das ist nicht das Problem der Gesamtsituation.

Es gibt eigentlich nur ein Bild, das das beschriebene Problemszenario am zutreffensten beschreibt: Der Wiener Opernball. Hier mag der Leser stutzen, aber tatsächlich ereignet sich Abend für Abend ein Schauspiel, dass nur mit einem, streng der Schrittfolge folgendem Walzer zu vergleichen ist. Die anwohnenden Parkplatzsuchenden finden sich zum Feierabend nach und nach in der ihnen zugeteilten Parkzone ein und fahren diese immer wieder ab, rauf und runter und vor allem immer Kreis. Das alles so synchronisiert, so vorhersehbar, dass man schon von Kindern hörte, die sich durch Veranstaltung eines sogenannten Parkplatzsuche-Bingos, bei dem es gilt, Wagenfarbe und Wagentyp des nächsten Autos richtig zu tippen, ein kleines Zubrot zum eigentlich schon großzügig von den doppelverdienenden Mustereltern ausgezahltem Taschengeld dazu verdienen. Es geht immer im Kreis, in der vagen Hoffnung, dass einer der nichtanwohnenden, also ein am Parkscheinautomaten Ticket ziehender Besucher des Wohngebietes, aus einem der zahlreichen Cafés verschwindet und wieder zurück in sein eigenes Revier fährt und dabei eine Parkgelegenheit freigibt. Und so scheren im Laufe einer Stunde immer mehr Suchende aus dem Kreis aus, stellen sich und den Motor ab und geniessen Zuhause ihr Angekommensein.

Für die übriggebliebenden, immer noch kreisenden Suchenden kommen verschärfenden Umstände wie Baustellen hinzu, die wahlweise straßenweise Rohre aus und in die Erde buddeln oder ganze Wohnblocks luxussanieren. Baufahrzeuge, Schuttcontainer und Makler-Benze entziehen so monatelang dem anwohnenden Nur-endlich-nach-Hause-Woller weiteren Parkplatzbestand.
Hat man dann doch irgendwann einen Parkplatz gefunden, dann guckt der Wissende noch einmal jeweils 30m nach rechts und links, um zu überprüfen, ob eventuelle temporäre Parkverbotsschilder einen Auszug ab morgens 07.00 Uhr ankündigen, von jemanden, der die Schnauze voll hat und endlich in den Berliner Speckgürtel zieht. Da geht es den Kindern ja auch viel besser.

4 Kommentare zu “Über das Parken im Prenzlauer Berg.”

  1. Peter sagt:

    Zwei Worte, die den ganzen Text überflüssig machen: Carsharing und Umweltkarte!

  2. … Oder warum ich Roller fahre. Auch im Winter. Und bei Schmuddelwetter… :-))

  3. frauziefle sagt:

    Ach wie schön – manches ändert sich nie :))
    Früher, so um die Jahrtausendwende, mehr Richtung Torstraße aber, musste ich manchmal auf meinen Parkplatzsuchrunden extra noch tanken fahren….

Hinterlasse eine Antwort