Und der Taxifahrer: „Seit wann bezahle ich denn für Werbung?“

Als sich 2001 in Berlin eine leidenschaftliche Debatte darüber erregte, ob die Loveparade ihren Demonstrationsstatus verlieren sollte, habe ich die Diskussion nicht verstanden. Auf der einen Seite die, die laut riefen, dass das natürlich eine Demonstration sei, die friedlich unfassbar viele Menschen an einem Ort versammeln würde und das als Botschaft in die Welt transportiert und auf der anderen Seite diejenigen, die die Loveparade als rein kommerzielle Veranstaltung sahen, die nur einem Interesse folgt, nämlich dem des Veranstalters.

Ich hatte nur eine Frage:
Seit wann gibt es auf Demonstrationen Werbung?

Als dann Dr. Motte 2004 zunächst das letzte Mal in eine Muschel blies, um seine Botschaft einer voll schönen Welt an seine Jünger zu bringen, beantworteten die Veranstalter die Frage nach dem Aus für die Loveparade damit, dass der Verlust des Demostatus erhebliche finanzielle Mehrkosten nach sich zog: Man musste vollständig und selbst für die Reinigung des 17. Juni, für die Sicherheit der Gäste und für mögliche Schäden im Tiergarten aufkommen. Der Veranstalter konnte sich die Loveparade damit schlichtweg nicht mehr leisten, als Berlin dafür nicht mehr zahlte.

Und was war das doch alles voll toll auf der Loveparade: Tolle nackte Menschen, tolle Stimmung, tolles Wetter, tolle DJs, tolles Gefühl, dabei zu sein.

Und das alles: Kostenlos! Kein Eintritt.

Wobei, nicht ganz kostenlos: 1999, beim absoluten Berliner Teilnehmerrekord zappelten 1,5 Millionen Menschen zwischen den durch und durch durchgesponsorten Trucks und versorgten sich lukullisch an den teuer lizensierten Imbisständen. Zahlreiche Fernseh- und Radiosender berichteten stundenlang live von dieser ‚Demonstration‘ und bescherten der PlanetCom GmbH (damaliger Veranstalter der Loveparade) damit Millionenumsätze durch Merchandise und DJ-Compilations. Und Berlin hatte natürlich auch was davon: 1,5 Millionen Raver an einem Wochenende, an einem Ort, in diesem Berlin – da freut sich das Hotel- und Gaststättengewerbe der Stadt.
Die Raver bezahlten also mit Anwesenheit, Reichweite und Konsum.

Dieser kurze Ausflug in die Raving Society Anfang der Nullerjahre soll nur halbgut das Dilemma beschreiben, in das wir uns auch im Netz hinein bewegt haben: Wir bezahlen die kostenlosen Dienste von Google, Facebook usw. mit unseren Daten. Zwei einfache Binsen, die man an jeder Netzecke dazu hören kann:

  1. Daten sind die neue Währung und
  2. mit meinen Daten kann man für mich bessere und personalisierte Werbung schalten.

Und dann fahre ich mit dem Taxi zum Flughafen und der Taxifahrer fragt mich, nachdem wir über vieles dazu gesprochen haben, was ich so tue etc., diese Frage:

Seit wann bezahle ich denn für Werbung?

Das ist vielleicht naiv, aber genauso berechtigt, wie die Frage nach Werbung auf Demonstrationen. Das ist die Verständnisflughöhe da draußen.

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