Angst.

Ich habe Angst.
Das ist so nicht leicht zu schreiben.
Überall melden sich Menschen zu Wort, spekulieren über Hintermänner, Schuldige, Konsequenzen und augenscheinlich jetzt notwendige Dinge, schlaue Dinge, dumme Sätze.
Ich habe gerade Angst.
Ich versuche seit Freitag Nacht den Überblick zu bewahren, sauge jede neue Nachricht auf.
Wenn wir Angst haben, unser Leben ändern, dann haben sie gewonnen, heißt es.
Ich möchte nicht, dass die siegen und trotzdem habe ich Angst.
Sie reden jetzt vom Krieg.
Doch dieser Krieg tobt seit langem.
Er rückt näher an uns heran und das macht mir Angst.
Ich werde Vater und glaubte fest daran, dass meine Kinder Krieg nie persönlich erleben müssten.
Krieg ist eigentlich immer woanders. Das macht mir gerade Angst.
Heute wird wieder Pegida in Dresden demonstrieren. Die machen mir auch Angst.
Ihre Rhetorik, ihre Einfachheit, ihre Masse, die hofierende Politik.
Wenn wir Angst haben, unser Leben ändern, dann hat Pegida gewonnen, sage ich.
Ich werde mich nicht ändern, aber ich werde sagen, dass mir das alles Angst macht.

Mir scheint, als gäben die Klügeren gerade nach.

Die harmonisierte Republik – Warum wir unbeweglich bleiben wollen

Spitzmarke:
Der Ausgangstext zu diesem Beitrag liegt schon seit 13 Monaten hier in den Entwürfen und dort liegt er auch immer noch. Ich habe mich verzettelt, weil mir das Thema zu groß erscheint. Aber das #NetzfragtMerkel-Interview von LeFloid mit der Kanzlerin und die mediale Rezeption davor und danach hat mich angespornt, das einmal runter zu brechen. Vielleicht reicht die Motivation danach, um das noch einmal richtig auszurollen. So here we go.

tl;dr
Wir Deutschen sind auf breiter Front harmonisiert worden. Wir werden ruhig gehalten, asymetrisch demobilisiert. Weil wir es so wollen. Wir delegieren gesellschaftliche Verantwortung an die Politik und Medien. Wir wollen keine Veränderung, Sicherheit ist uns gut genug und vertrauen denjenigen, die uns diese versprechen.

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Die Annahme

Ich habe keinerlei wissenschaftlichen Hintergrund, keine Studien, um etwas zu belegen, einzig Erfahrungswerte aus 14 Jahre Kommunikationsarbeit, einen wesentlichen Anteil davon in der politischen Kommunikation. Man wird mich also widerlegen können, ganz unbedingt sogar widersprechen, worum ich hier auch explizit bitte.

Um sich diesem Thema zu nähern, ist es zunächst einmal wichtig, sich ein Bild vom wirklichen Durchschnittsdeutschen zu machen. Elitäre Twitter- und Blogdiskurse führen dabei komplett in die Irre, vergangene Facebook-Phänomene wie „Wir wollen Guttenberg zurück“ schon eher auf die richtige Spur.

Wenn man sich umhört und einliest, interpretieren die meisten Deutschen die hohe Komplexität der politischen Themen, der Globalisierung, der Digitalisierung, das mediale Dauerfeuer und der hohe Konsumdruck als Bedrohung, gar als Gefahr. Nicht lebensbedrohlich verstanden, sondern als eher tiefen Eingriff in die Privatsphäre und der persönlichen Identifikation in der Gesellschaft. Diese permanente Befeuerung suggeriert Veränderungen und die damit verbundenen Risiken, dabei gibt es nichts mehr, dass die Deutschen am liebsten vermeiden und ausschließen würden. Im tagtäglichen Leben gilt zumeist: Konfrontation vermeiden. Es wird nicht gesprochen im Fahrstuhl!

Dass man sich für irgendetwas rechtfertigen muss, gilt als reale Angst, stattdessen sucht man sich die Bestätigung im Freundeskreis, dass man mit seinen Ansichten richtig liegt. Bitte like meine Meinung! Akzeptanz ist ein riesiger Antriebsfaktor, also wird man eher mit dem Strom schwimmen, als anzuecken. Daraus resultiert auch ein sehr starkes schwarzweiß denken, was einen immer auf der richtigen Seite wähnt, durchaus getrieben von dem starken Wunsch nach einer besseren Welt. Deshalb fühlen wir Deutschen uns sooft missverstanden, obwohl wir uns als rücksichtsvoll und fürsorglich empfinden. Nur: Dieses Selbstbewusstsein begründet aus traditionellen Werten, die wir emotional aufladen. Die fleißigen Deutschen, die pünktlichen Deutschen, die disziplinierten Deutschen. Wer will dagegen schon etwas sagen, das sind doch sehr ehrbare Attribute.

Unser gesamtes Auftreten wirkt zurückgenommen. Außerhalb gentrifizierter, urbaner Räume, also im großen Teil der Fläche Deutschlands kann man sie noch erleben: Die Dominanz des grau-beigen Sterbeflanells. Gedeckte Farben everywhere.
Unsere persönlichen Wünsche orientieren sich an unserer kleinen, privaten Scholle: Gesundheit für sich selbst und die Familie, ein eigenes Haus und Sicherheit. Die Sicherheit im Job, die Sicherheit zuhause, die Sicherheit auf der Straße, die Sicherheit des Ersparten, die Sicherheit vor der Zukunft.

Die Sicherheit, die Sicherheit, die Sicherheit.

Einfache Lösungen versprechen Sicherheit. Einfache Lösungen protegieren das schwarzweiß. Unsere reichweitenstärksten Medien geben diese Sicherheit: BILD hat die Lösung. Die RTL-Gruppe liefert die linearen Unterhaltungsshows. Folgen einer Serie haben bei uns ein Anfang und ein Ende, horizontale Erzählweisen bleiben eine Ausnahme. Wir quizen gern und mit, denn dabei können wir uns beweisen und abgrenzen. Man ist die blöd, bei der 500€-Frage schon raus! Wir suchen immer noch nach der großen Samstagabend-Show, die wieder alle vor dem Fernseher vereint und auf die sich alle verständigen können. Zum Glück gibt es den #Tatort noch.

Der Wocheneinkauf in einem großen Center, dabei den Händlern noch ein Schnäppchen schlagen und IKEA. Das alles ist praktisch, man kennt die Laufwege und im Kühlschrank zuhause wird man nicht überrascht, außer wir gönnen uns mal etwas. Überhaupt: Das sich etwas gönnen. Ein Scherz muss auch mal sein. Es darf gelacht werden, aber nur an den richtigen Stellen, wenn auch mal in veränderten Stimmlagen: Hohoho, hat der das gerade wirklich gesagt?

Das sind wir. Ganz doll pauschalisiert. Das ist gar nicht schlecht, nicht zu stigmatisieren, aber das sind eben wir. Im Durchschnitt. Und die Politik hat gelernt darauf zu reagieren.

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Die Wirkung

Die politischen Neunziger und der Anfang der 2000er waren geprägt vom Reformeifer: Reformstau, Gesundheitsreform, Agrarreform, Rentenreform, Arbeitsmarktreform und am Höhepunkt, die HartzIV-Reform. Zunächst unabhängig von den jeweiligen Auswirkungen betrachtet, wurden wir Deutschen kommunikativ von der Politik überfordert. Die damalige rot-grüne Bundesregierung war angetreten, den Mehltau der Achtziger abzuschütteln. In einem rasendem Tempo wurde und musste regiert werden. Die Veränderungen waren gesellschaftlich notwendig, aber beschissen kommuniziert. Wie gesagt, ich möchte jetzt nicht auf die individuellen Auswirkungen der einzelnen Maßnahmen eingehen, sondern nur darauf, wie die gesellschaftliche Rezeption jede Politik danach massiv verändert hat.

Die SPD war dabei die Partei, die in diesem Prozess, für den es zu Beginn, nämlich 1998 nicht nur Verständnis sondern sogar den absoluten Willen seitens der Wähler gab, alte Gewissheiten beseitigte und die Deutschen um das so wichtige Gefühl der Sicherheit brachte. Alles stand auf dem Spiel. Nein, die Renten waren plötzlich nicht sicher, die Arbeitsplätze sowieso nicht, das Gesundheitssystem lange nicht und die Pflege schon gar nicht. Alles, worauf sich die Deutschen politisch Zweijahrzehnte lang verlassen konnten, verlor im Reformeifer seine Bedeutung. Wer waren wir eigentlich noch? Das deutsche Gefühl der Einheit, im Herzen von Europa, verlor sich angesichts schrumpfender Wirtschaft, massiv steigender Arbeitslosenzahlen, hoher Jugendarbeitslosigkeit ohne Ausbildungsgarantie und dem ausbluten ganzer (vor allem ostdeutscher) Landstriche. Identitäten gingen verloren, Sicherheiten mussten aufgegeben werden. Der ganze Fleiß, die Pünktlichkeit, die ganze Disziplin hatten nichts gebracht, angesichts sich durch die Globalisierung verstärkender Marktprozesse. Wir waren nicht mehr wer.

Schröder versuchte auch zunächst mit der ‚Politik der ruhigen Hand’ nicht vorschnell auf diese Entwicklungen zu reagieren, obwohl der Reformdruck immens war und schon vieles angestoßen, worauf ihm von Seiten der konservativen und liberalen Opposition „Untätigkeit“ vorgeworfen wurde. Getrieben von der Wirklichkeit und von der Opposition kamen dann die Hartz-Reformen.

Schröders Charisma und Fischers Wandel vom Revoluzzer zur fleischgewordenen Solidität reichten dafür als Narrativ nicht mehr aus. Rot-Grün hatte die Menschen überfordert, ausgebrannt. Das Ziel dieser Politik mag richtig gewesen sein, aber auf dem Weg dahin wurde keine Rücksicht auf notwendige konsolidierende Atempausen genommen.

Dass der SPD diese Politik heute noch nachhängt, daraus hat sie gelernt. Aber vor allem die CDU und Kanzlerin Merkel.

Das Leitthema aller politischen Debatten ist heute Stabilität und Sicherheit. Quer durch alle Ressorts. Die ‚Politik der ruhigen Hand’ Schröders ist heute der ‚Sie kennen mich, ich schaue mir das einmal an’-Politik Merkels gewichen. Wir haben die politische Art der Kommunikation erhalten, die wir im Herzen wollen: Simulierte Stabilität, verantwortungsvoller Gestus, immer um einfache, schnelle Lösungen bemüht und um diese auch so zu vermitteln, die dann möglichst keine Konsequenzen für den einzelnen bedeuten.

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Das Ergebnis

JournalistInnen und LeFloid scheitern (regelmäßig) an Angela Merkel, etwas substanzielles, oder gesellschaftlich bewegendes aus ihr herauszubekommen. Warum das so ist, nähert man sich am besten über die Frage, was denn von ihr breitgesellschaftlich erwartet wird? Die Antwort muss lauten: Genau das eben nicht.

Will man eine breite (beinahe absolute) Mehrheit erhalten, muss kommunikativ absolut vermieden werden, zu kontroversen Themen Stellung zu beziehen. Denn das polarisiert unnötig und würde die politischen Gegner mobilisieren. Nur wenn Merkel das Bild vermittelt, ab zu warten, zu zögern, zu überlegen und erst dann vermeintlich handelt, dann gibt sie uns das Gefühl von Sicherheit. Einer Sicherheit, der man vertrauen kann. Vertrauen und Sicherheit. Nicht umsonst fielen in der Griechenland-Diskussion besonders oft diese beiden Begriffe: „Verlorenes Vertrauen müsse wieder hergestellt werden, damit die Gläubiger sicher gehen können, dass …“ Das wollen wir Deutschen hören, das lässt uns zuhause auf den Sofas sitzen.

Jeder, der Merkels Position, bleiben wir kurz bei Griechenland, in dieser Frage also laut hinterfragt, gar widerspricht, argumentiert immer gegen ‚Vertrauen und Sicherheit’. Gegen diese Debattenführung, die über ihre Alternativlosigkeit argumentiert (siehe schwarzweiß-Denke), also verschärfte Austerität oder Grexit, kommt man mit einer ausgewogenen Betrachtungsweise kommunikativ nur schwer an. Und noch mehr verliert man darüber Wahlkämpfe.

Und das zieht sich durch: Die SPD hält für sich hoch, dass in ihr wenigstens diskutiert wird, beispielsweise bei der Vorratsdatenspeicherung, während die CDU diese einfach so beschließt, vergisst aber in dieser Argumentation, dass Diskussion (auch wenn sie absolut notwendig und angebracht war und ist, wie bei der VDS) vom Wähler absolut nicht gewünscht ist. Nur geschlossene Parteien vermitteln glaubwürdig ‚Vertrauen und Sicherheit’. Jetzt noch irgendwelche Fragen, warum die Piraten in der Versenkung verschwunden sind und die AfD ihnen nachfolgen wird? Es geht immer um Vertrauen und Sicherheit.

Wir Deutschen sind satt. Der Mehrheit geht es gut und für die Minderheit, der es nicht gut geht, wird angemessen gesorgt. Das ist das Bild, auf das wir vertrauen sollen. Wir nehmen das an, denn Problematisierung hilft uns nicht, in unserer harmonisierten Umgebung. Wir Deutschen sind müde. Die rot-grünen Reformen haben uns viel Kraft gekostet, aber schaut, was für ein tolles Land wir geworden sind. Und Weltmeister! Warum machen es nicht einfach alle so, wie wir. Hallo ihr Griechen, nähert euch uns an, dann wird alles gut. Ja, das kostet Kraft und Entbehrungen, aber wir haben es auch geschafft und wir wollen uns selbst auch nicht mehr bewegen. Weil wir es auch nicht mehr müssen.

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Die Perspektive

Über diese teilnahmslose Beobachtung, über das wegdelegieren von Verantwortung auf ‚Mutti’ und über das Erheben von ‚Vertrauen und Sicherheit’ als Grundmaxime und Säulenheilige jeder Politik, verlieren wir aus dem Blick, dass wir längst wieder in einen Reformstau geraten sind und uns das aufarbeiten genauso viel Kraft kosten wird:

  • Das Verschleppen der Digitalisierung durch die Betonung der Risiken, statt der Chancen.
  • Die fehlende gesamteuropäische, gesellschaftliche und soziale Perspektive.
  • Deutschland als Einwanderungsland und Ziel vieler Flüchtlinge.

Darauf werden wir keine Antworten finden, wenn wir nur einseitig auf ‚Vertrauen und Sicherheit’ setzen. Darüber bräuchte es breite gesellschaftliche Diskurse, in denen man sich verorten müsste. Laut und deutlich. Dazu gehört es auch einmal ‚Oxi’ zu sagen und zu hinterfragen. Denn diese Veränderungen werden einschneidend und massiv sein und wir sollten sie mitgestalten als nur ab zu warten, bis sich das irgendjemand irgendwann mal anschaut.

Ein Gruß aus der Küche.

Liebe Genossinnen und Genossen, liebe SPD-Parteikonvent-Delegierte,

ich möchte mich heute ganz direkt an euch wenden, weil ich glaube, dass das sehr wichtig ist. Im Moment rauscht es im Blätterwald ganz gewaltig. Von Revolte der Basis gegen den Parteivorstand ist zu lesen, Aufruhr, Machtentscheidungen, Showdown etc.pp. Schuld daran ist die Debatte um die Vorratsdatenspeicherung, kurz: VDS. Parteivorsitzende Sigmar Gabriel hat in einem Interview mit dem Deutschlandfunk Justizminister Heiko Maas eingenordet und einen neuen Vorschlag zur Umsetzung der VDS eingefordert. So weit, so bekannt.

Im Vorfeld des Parteikonvents haben nun 106 Gliederungen einen Antrag gegen die VDS eingereicht. Diese beziehen sich größtenteils auf einen Musterantrag vom „D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt“ , dessen Gründungsmitglied und ehemaliger Vorsitzender ich bin.

Die Antragskommission hat nun die Anträge zur Abstimmung zugelassen, aber dessen Ablehnung empfohlen. Gleichzeitig wird vorgeschlagen, dass der Parteivorstand einen eigenen Antrag einbringt, der sich für die Vorratsdatenspeicherung ausspricht.

Heißt: Kampfabstimmung!

Folgendes wird nun auf dem Konvent passieren und es ist wichtig, dass ihr das vorher wisst und nicht überrascht seid:

Wie schon bei der Abstimmung über die VDS auf dem Parteitag 2011 ist überhaupt nicht sicher, welche Position die Mehrheit bekommt. Alle Anzeichen sprechen aber dafür, dass die Mehrheit der Basis sich explizit gegen eine VDS aussprechen würde.

Es wird also entscheidend sein, welche Seite es auf dem Konvent schafft, mit Argumenten zu überzeugen. Dabei wird es nur ein echtes „Dafür oder Dagegen“ geben, denn Formelkompromisse, wie zum Beispiel die Befristung der VDS, sind inhaltlich Blödsinn, weil schon ein einziger Tag VDS das umsetzt, wogegen sich die VDS-Gegnerinnen und Gegner aussprechen.

Das heißt, wenn es eng wird und nicht sicher ist, wie die Abstimmung für den Parteivorstand ausgehen wird, wird es hart:
Sigmar Gabriel, Yasmin Fahimi, Heiko Maas, zahlreiche Innenpolitiker werden in die Bütt gehen. Sie werden mit dem drohenden Koalitionsbruch argumentieren (obwohl die VDS, egal in welcher Form, nicht vom Koalitionsvertrag gedeckt ist, weil die darin benannte sich explizit auf die EU-Richtlinie bezieht. Und diese gibt es nicht mehr), sie werden vom möglichen Schaden für die Sozialdemokratie erzählen und, wenn nötig, ihre eigene Person und Funktionen in die Waagschale werfen.

ABER:
Lasst euch nicht irre machen! Das sind alles luftleere Drohgebärden. Denn: Die VDS ist kein Herzensprojekt der SPD, nicht vom Parteivorsitzenden und auch nicht vom Parteivorstand. Es geht einzig um den legitimen Interessensausgleich zwischen Koalitionären. Niemand lässt ihre oder seine Funktion oder Job sausen, um die VDS durchzudrücken, denn das große Geheimnis ist: Das würde nicht einmal jemand in der Union machen.

Es ist überhaupt nicht sicher, ob die VDS nicht die zweite Klatsche vom Verfassungsgericht bekommt, aber dass dagegen geklagt wird, das ist sicher. Das will niemand, schon gar nicht vor dem Hintergrund, dass die EU gerade richtig Druck macht und wahrscheinlich die CSU-Maut gerichtlich kassiert, bevor sie überhaupt in Kraft tritt. Das die beiden einzigen koalitionären Herzensprojekte der Union gerichtlich scheitern – daran möchte keiner der Verantwortlichen von CDU/CSU seinen Job knüpfen.

Warum sollte das also die SPD machen? Eben.

Ja, sollte der Parteivorstand mit seinem Antrag unterliegen, wäre das Geschrei groß. Die Union würde das ausschlachten und auch ein wenig lachen, Sigmar würde mit der diskussionsfreudigen und offenen SPD argumentieren und natürlich würde der Druck auf die SPD-Fraktion immens werden.

Meine Prognose: Der darauf folgende Koalitionsausschuss gründet irgendeine Arbeitsgruppe, bestehend aus Justizministerium, Innenministerium und irgendwas mit CSU und dort lassen sie den Gesetzentwurf zur VDS ordentlich abhängen.

Fazit: Seid vorbereitet! Habt keine Angst vor der Debatte! Folgt den Argumenten und euren Landesverbänden. Es gibt kein Szenario, in dem die SPD durch die Ablehnung der VDS ihren Vorsitzenden verliert oder ein Koalitionsbruch droht.

Stimmt gegen die Vorratsdatenspeicherung!

Mit solidarischen Grüßen
Mathias

— UPDATE —

Ein kurzes Video von D64, das es noch einmal auf den Punkt bringt:

Letzte Chance SPD-Parteikonvent: Gemeinsam die Vorratsdatenspeicherung verhindern! #vds

Posted by D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt on Mittwoch, 3. Juni 2015

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„Niemand erwartet etwas von uns, also versuchen wir das Unerwartete“

Der Wahlkampf mit und für Martin Dulig

Meine aktive Arbeit an der Kampagne endete mit dem 01. Juli 2014.
Sechs gute Einsatzmonate waren damit vorbei. Danach begann die heiße Phase des Wahlkampfs und Martin Dulig setzte sich an seinen Küchentisch. Am Ende reichte es für einen Zugewinn, aber es blieb unter dem, was wir uns gewünscht hätten. Die Analyse des Ergebnisses überlasse ich den JournalistInnen und der staatspolitischen Verantwortung für Wahltermine. Dennoch eine nackte Zahlenreihe: Als einzige Partei im sächsischen Landtag konnten die SPD und Martin Dulig Stimmen hinzugewinnen (CDU -77.639, DIE LINKE -60.791, SPD +15.109, FDP -117.020, GRÜNE -21.111, NPD -19.774).

Die Strecke, die wir aber bis Anfang Juli gemeinsam gegangen sind und was wir getan haben, um die Kampagne auf das Gleis zu setzen, steht hier einmal aufgeschrieben.

Eines gleich vorweg: Es war, gemessen an den Zahlen, nicht mein erfolgreichster Wahlkampf, aber es war definitiv mein schönster. Und das aus einem ganz einfachen Grund: Weil alle Beteiligten an einem Strang gezogen haben. Jede Disziplin auf die Fähigkeiten der anderen vertraute und auch machen ließ. Es gab nicht den geschlossenen Beraterkreis, der sich um den Spitzenkandidaten versammelte, sich abschottete und zu dem niemand anderes mehr durchdrang. Und selbst wenn es mal in der Organisation knirschte, konnte das in Teamarbeit gelöst werden, indem man sich immer wieder forderte. Das sollte ein echtes Modell für andere Wahlkämpfe sein, aber wer bin ich schon, das einschätzen zu können. Und jetzt der lange Sermon.

Am 07. Oktober 2013 haben wir bei der SPD-Sachsen gepitcht. Das war der erste komplette Wahlkampf-Etat, um den wir uns zusammen als NWMD bemüht haben.
Jede und jeder aus unserem kleinen Team war wahlkampferfahren, allen voran Guido Schmitz.

Wir standen schon beim Pitch vor zwei wesentlichen Herausforderungen:
Eine SPD, seit 1999 gefangen in der 10%-Hölle, und einen sympathischen, glaubwürdigen Spitzenkandidaten namens Martin Dulig, den allerdings nur Eingeweihte in Sachsen kannten. Die Zielsetzung stand also ziemlich sicher fest: Prozente holen und Bekanntheit steigern. In der Pitch-Präsentation hatte deshalb zu diesem Zeitpunkt der Bereich Öffentlichkeitsarbeit einen wesentlichen Teil eingenommen. Das bedeutete, von Anfang an die Presse einzubinden und Martin Dulig auf den Radar zu bringen. Gleichzeitig sollte ein bewährtes Mittel aus dem Hessen-Wahlkampf, das NWMD schon für Thorsten Schäfer-Gümbel aufgelegt hatte, für einen Bekanntheitsschub sorgen: Ein Magazin, das Martin Dulig als Person vorstellt. Persönlich.

Der Mann hat nicht die Medienpräsenz eines Ministerpräsidenten, schon gar nicht in einem Medienumfeld, in dem über all die Jahre konservativer Regierungszeit auch und vor allem diese politische Schlagrichtung Gehör findet und Kontakte hat. Also wollten wir unsere eigenen Kanäle schaffen und nutzen. Das Magazin landete deshalb in nahezu jedem sächsischen Briefkasten, weit bevor die Sachsen überhaupt an Wahlkampf dachten. Wir wollten ein Feld bestellen, auf dem man die dann folgenden Aktionen einpflanzen konnte, vorneweg Duligs Küchentisch, an dem sich Martin selbst mit Menschen treffen wollte und der zum vielleicht wichtigsten Wahlkampf-Tool avancierte. Die PR-Einheit von NWMD organisierte Hintergrundgeschichten, Presse-Stücke und Fotoshootings, durch die Martin sich seinen Platz in den Medien erkämpfte. Und dann gab es noch die Plakate, das Web und die Spots.

Schon in der Pitch-Präsentation haben wir zwei Kampagnenansätze präsentiert, die Martin deutlich in den Mittelpunkt aller Kampagnenbemühungen stellten. An einem Kampagnenansatz haben wir lange festgehalten und weitergearbeitet. Gleichzeitig bemerkten wir aber sehr schnell, dass wir so fest in den Bekanntheitszahlen für Martin stagnierten, obwohl der Mann rannte, sein Team Termine um Termine machte und wir mit aktiver PR-Arbeit begonnen hatten. Also haben wir alles verworfen, mussten radikaler werden. Nur Martin Dulig. Kein drumrum. Keine Fotosessions mit Neigungsgruppen des jeweiligen Themas. Nur 100% Martin.

Aber es brauchte ein Kampagnendach, einen Claim. Ein glaubhafter Slogan, der alle Aktivitäten bündelt und klar macht, was Martin Dulig und die SPD Sachsen im Wahlkampf kommunizieren wollten. Es war vollkommen klar, dass es angemessen schwierig werden würde, die absolute Mehrheit reinzuholen und auch über die tatsächlichen erreichbaren Ziele herrschte von Anfang an große Einigkeit. Man musste eingestehen: Sachsen geht es gut. Die CDU und der Ministerpräsident waren auf einem stabilen Polster unterwegs, zufrieden mit der CDU-geführten Regierung, aber unzufrieden mit SchwarzGelb. Eines war auch klar: Die CDU steht gut da. Die Menschen finden, sie verwalte das Land Sachsen gut. Aber wir konnten auch festhalten: Sie hat kein Konzept für die Zukunft. Keine Ideen. Auch die SPD Sachsen hat nicht alle Antworten auf die Herausforderungen, die da noch kommen mögen, aber sie hat die richtigen Fragen und sie haben einen jungen Spitzenkandidaten, der gemeinsam mit den Sachsen an den möglichen Antworten und an UNSER SACHSEN FÜR MORGEN arbeiten möchte.

Der Ansatz, den wir jetzt gemeinsam verfolgten, war ungesehen, spannend, witzig und vor allem auf den Punkt. Allerdings auch hochriskant, hatte doch ein anderer Spitzenkandidat im Bundestagswahlkampf mit Gesten ganz andere Aufmerksamkeit erhalten, als zuvor gedacht. Sollte es allerdings klappen, haben wir ein auffälliges Kampagnenlayout, was es so noch nicht gab und unter dem Motto „Niemand erwartet etwas von uns, also versuchen wir das Unerwartete“ wurde dann auch die Richtung präsentiert:

Also ließen wir den Kampagnenansatz von Uli Becker testen. Seine Ergebnisse unterstützten auch die Kampagne bis zum Schluss. Im konkreten Fall brauchte es ein Shooting, in dem Setting, Anmutung und Tonalität der späteren Kampagne sichtbar wurden. Als Fotografen hatten wir Götz Schleser in die Kampagne geholt, der später nicht nur die gesamte Kampagne shooten sollte, sondern Martin über den gesamten Wahlkampf hinweg begleitete.

Und schon im Test-Shooting entstand ein Motiv, das so überzeugend war, dass wir es gleich einsetzen konnten und das auch mediale Beachtung fand: BILD-Link

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Mit den getesteten und weiterentwickelten Motiven und Fragen (Headlines) ging es dann an das „echte“ Shooting:

Als Grafiker hatte ich Felix Nowack in die Kampagne geholt, mit dem ich schon seit 2006 zusammenarbeite und vor allem schon etliche Wahlkämpfe, unter anderem den Bundestagswahlkampf ’09 und den NRW-Wahlkampf für Hannelore Kraft ’10, damals für BUTTER. und unter Frank Stauss, gestaltet habe.

Die Print-Kampagne stand. Die Landtags-KandidatInnenplakate hatten wir zwischendurch auch schon geshootet und eine neue Webseite für Martin wurde gelauncht.
Fehlte noch der Spot. Wir drehten mit Andreas Gräfenstein, dessen zusammen mit Jörg Hüster entwickeltes Spot-Konzept sehr gut in die gesamte Kampagnenlogik passte.

Und hier das Ergebnis zum nachgucken:

Und damit war ich raus. Alles was an Kreation bis zu diesem Zeitpunkt zu tun war, stand. Den Rest mussten Martin Dulig und das Team allein machen und das haben sie ganz ordentlich erledigt, fand zumindest Heribert Prantl am 18. August in der SZ.

SZ - Prantl 18. August

Wahltage sind das Hochamt der Demokratie. Es ist unglaublich spannend, grandios, unglaublich stressig, aber extrem fokussiert. Alles läuft auf diesen einen Tag zu. Und manchmal wird man für seine gemeinsamen Mühen belohnt, mal nicht. Ich fand es toll. Und bei all der Sorge um die miserable Wahlbeteiligung bleibt festzuhalten: Die Nazis sind draußen, Martin Dulig und die Sachsen SPD werden in Koalitionsverhandlungen eintreten und der erste Schritt raus aus dem 10%-Ghetto ist geschafft. Das war Martin Duligs erster Wahlkampf als Spitzenkandidat und ich bin mir sicher, dass es nicht sein letzter war.

Vielen lieben Dank an Guido, Nicole, Philipp, Katja, Birgit, Gero, Henning und den Rest von NWMD. Vielen Dank an Felix, Götz, Andreas und Jörg. Dank auch an Uli. Und großen Dank auch an das ganze SPD Sachsen-Team: Martin, Dirk, Sebastian, Oliver, Alexandra, Jens, Caroline, Udo, Petra, Marc und Julian. Ich hoffe, ich habe niemanden vergessen. Das war toll.

Als PEER mir einmal ein Lied geschrieben hat.

Ab morgenheute ist das neue Album ‚Galaktika‘ der wunderbaren Berliner Band PEER erhältlich. (amazon-Link, iTunes-Link)

Das Album wurde auf Startnext durch Crowdfunding ermöglicht. Knapp 6000€ kamen zusammen, 4000€ waren geplant. Ich habe auch ‚gefunded‘, weil ich mag, was sie tun. Außerdem habe ich ich im letztem Jahr mit Daniel von Fromberg (Gitarre und Mitgesang) an ganz heißen Eisen zusammengearbeitet. Das schweißt zusammen. Jetzt hat PEER ihrerseits ihr Crowdfunding-Dankeschön umgesetzt und mir meinen eigenen Song geschrieben. Das Lied heißt ‚PUMPEN‘.

Der Text stammt von Daniel und ist gespickt mit ganz persönlichen Insidern und wahren Geschichten, die den Song wirklich wichtig für mich machen. Ich bin ganz gerührt.
Hier könnt ihr ihn euch anhören. Danke Daniel, danke PEER!

Gewinne! Gewinne! Gewinne! – Hier gibt es was zu gewinnen!

Aber nicht für euch, sondern nur für meine Crew. Aber ihr müsst uns dabei helfen!

Wie ihr wisst, macht das Snowboardfieber gerade wieder Hitzewellen. Und die erste Tour zum abkühlen im Schnee haben wir schon hinter uns: Nämlich mit dem CHB-Boardshop ins Kaunertal zum Materialtest und anpowdern. Jetzt machen die zusammen mit Burton einen Videocontest und wir finden, unser Video sollte dabei gewinnen. Dafür brauchen wir bis Sonntag, den 15.12.13 23 Uhr so viele Klicks wie möglich! Bitte helft uns dabei.

Also einfach hier anklicken, Video schauen, unten die Twitter und Facebook-Buttons nutzen und mein ewigen Dank sicher sein.

Shred it!

PS: Ich weiß nicht einmal, was es zu gewinnen gibt. Irgendwas von Burton, aber das ist auch zweitrangig. Gewinnen macht aber Spaß und ist Lohn für die viele Arbeit im Vid und im Schnee.

It’s just to strap in.

„There is only one trick, you know?“

„What is the one trick?“

„The one trick? It’s just to strap in.“

— Nicolas Müller („Never Not Part2“)

Meine Timeline hat es nicht leicht mit mir. Alles voll Politik, besonders schlimm in Wahlkampfzeiten, dazwischen immer HipHop und immer zu dieser Jahreszeit Snowboardzeugs. Die eins, zwei neunmalklugen Sprüche und halbgaren Witze reißen es dann auch nicht raus. Allerdings könnte man mir das alles nehmen, wenn nur das Brett bliebe.

Pünktlich, immer Anfang November, merke ich es körperlich. Nicht in den Beinen, nicht unter den Füßen und nicht im Rücken – sondern im Bauch. Ich möchte raus in den Schnee. Wer es noch nie gemacht hat, dem ist das schwer zu erklären. Dabei helfen auch nicht die unzähligen Snowboardvideos, die jetzt überall sind.

Es ist die totale Konzentration und dabei diese Freiheit, die dich an nichts anderes denken lässt, als diesen einen Abhang, diesen einen Berg zu nehmen und das Wissen, dass der Berg immer stärker ist als du.

Als Berliner Flachlandtiroler kommt man ja nur leidlich in angemessen verschneite Höhen. Diese Saison sieht es für mich ein wenig anders aus. In 10 Tagen geht es schon einmal zum anboarden ins Kaunertal. Organisiert vom CHB. Die hatten an diesem Wochenende auch das 1. Berliner Snowboardfilm-Festival organisiert. Neben den Must Have-Vids dieser Saison, waren auch zwei Filme von René Eckert zu sehen.
(Der Herr macht auch andere sehr, sehr nice Filme.)

Auf jeden Fall zeigen diese beiden Filme ziemlich genau das, was ich oben nicht beschreiben konnte. Die Perspektive macht es möglich. In zwei kurzen Dokus geht es um Snowboarding in China und Lesotho (Afrika). Es geht gar nicht um großartige Snowboardaction, sondern darum, was Snowboarding für die Menschen bedeuten kann, die es machen. Passion hört man in diesem Zusammenhang immer wieder.

Mich haben diese Filme am meisten von allen gezeigten beeindruckt. Unbedingt anschauen!

SLEEPING GIANTS (China)

Das Video ist leider nur der Teaser, aber für 0,99$ könnt ihr euch das Ding hier eine Woche lang auf Vimeo ausleihen.

Schön war auch, als René erzählte, wie er in China zum ersten Mal in seinem Leben einen Filmriss hatte und am nächsten Morgen nackt mit einer Frau in der Badewanne aufwachte, über und über mit Nudeln bedeckt. Im gesamten Zimmer waren überall Nudeln. Chinese Hangover.

IN SEARCH OF FIRE (Lesotho)

It’s just to strap in.

Neun realpolitische Gründe, die momentan gegen Rot-Rot-Grün sprechen.

Neun realpolitische Gründe, die momentan gegen Rot-Rot-Grün sprechen. Jeweils drei für jede Partei aus Sicht der Partei:

SPD:

1. Die SPD hat diese Koalition in diesem Wahlkampf ausgeschlossen.
Das kann man richtig finden, oder nicht, aber es ist ein Fakt. Es ist eben nicht so, dass die Mehrheit der Menschen sich diese Koalition wünscht. Weder die Wählerinnen und Wähler, noch die Mitglieder der SPD. Das kann man über die nächste Legislatur ändern, inhaltlich vorbereiten, um diese reale Option den Menschen schmackhaft zu machen – im Moment gibt es weder das eine noch das andere. Die SPD sollte jetzt beginnen, daran zu arbeiten.
Hessen kann dafür ein Grundstein sein.

2. Rot-Rot-Grün hat eine Acht-Stimmen-Mehrheit.
Das ist zu wenig aus Sicht der SPD, um dieses bisher einmalige Experiment gleich auf Bundesebene zu wagen. Während sich alle drei Parteien wahrscheinlich auf viele innenpolitische Themen einigen könnten, sieht es bei Europa finster aus. Zwei naheliegende Beispiele: Das nächste Rettungspaket für Griechenland steht vor der Tür, der Drops ist noch lange nicht gelutscht und an den türkischen Grenzen stehen deutsche Flugabwehrraketen, um syrischen Flüchtlinge und türkische Dörfer vor Assads Angriffen zu schützen. Sobald nur diese beide Dinge wieder zur Abstimmung stehen, wahrscheinlich schon im ersten Jahr der Regierungszeit, ist diese Acht-Stimmen-Mehrheit weg und diese Regierung Geschichte.

3. Popcorn für alle, für die SPD nur die Kerne.
Während sich natürlich viele Menschen den Versuch wünschten, oder wenigstens Sondierungsgespräche, hat die SPD dabei nichts zu gewinnen. Sie müsste sich in eine Koalition begeben, in der eine Vielzahl der Mitglieder der zweitstärksten Kraft die SPD ablehnen, teilweise zutiefst hassen. Die Linke wäre für die SPD die Opposition in der Regierung, immer versucht die Koalition platzen zu lassen. Die SPD würde sofort sowohl in der Mitte, als auch im konservativen Lager massiv Stimmen verlieren, wegen des „Wortbruchs“ und später im linken Lager, wenn diese Regierung platzt. Daran hätte in der Interpretation immer die SPD Schuld.

Die Linke:

1. Regieren ist Mist!
Dort, wo die Linke im Land mitregiert, verliert sie Stimmen. Regieren ist handeln und bedeutet verantwortlich gemacht werden. Die Linke ist geformt durch die Opposition, sie ist aus ihr heraus geboren. Die Linke ist dann stark, wenn sie der SPD vorhalten kann, nicht mehr sozialdemokratisch zu sein. Sie ist dann stark, wenn sie die Europapolitik der Regierung ablehnt. Sie ist dann stark, wenn sie sich gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr stellt. Diese Stärke würde sie mit Regierungsverantwortung sofort verlieren.
Das wissen auch die Linken.

2. Mitten in der Krise.
Die Linke erlebt gerade die schwerste Zeit, seit ihrer Gründung. Sie ist eine zutiefst gespaltene Partei. Das zeigte sich überdeutlich bei der Wahl von Kipping und Riexinger. Und der Wähler hat sie dafür auch bei der Bundestagswahl abgestraft: über 3% minus im Vergleich zur Wahl 2013, jetzt nur noch einstellig. Die Gedankenspiele um rot-rot-grün überdecken gerade, dass die Linke vor einer Zerreissprobe steht, bei der nicht sicher ist, ob es die Partei in dieser Form in zwei Jahren überhaupt noch geben wird.
Es stehen sich mindestens zwei, manche sagen drei, unterschiedliche Lager unversöhnlich gegenüber und es ist überhaupt noch nicht klar, wer am Ende die Oberhand behält. Eins steht aber fest: Diejenigen, die zuerst die Hand bei einem Koalitionsvertrag heben würden, haben innerparteilich schon verloren.

3. Keine Protestpartei mehr.
Am meisten Stimmen abgegeben hat die Linke im Vergleich zu 2009 an die SPD. Nämlich 13,15%. Für viele ehemalige SPD-WählerInnen, die aus Protest zur Agendapolitik ihre Stimme der Linken gegeben haben, ist die SPD mit ihrem Wahlprogramm 2013 wieder wählbar geworden. Außerdem hat sie über zehn Prozent an das Lager der Nichtwähler verloren. Also sind insgesamt knapp 1/4 der Stimmen weg, weil man der Linken den Protestcharakter nicht mehr zuschreibt. Zusätzlich sind fast 7% der Stimmen von 2009 an die AfD gegangen. Das ist der neue Protestplayer im Feld. Mit einer Regierungsbeteiligung wären diese Zahlen noch drastischer und die Linke höchstwahrscheinlich nicht einmal knapp, sondern sehr deutlich unter der 5%-Hürde.

Bündnis90/Die Grünen:

1. Platz Drei.
Das die Grünen erst am Ende dieser Liste kommen hat einen Grund: Sie wären rechnerisch der kleinste Partner in einer rot-rot-grünen Koalition. Das bedeutet: Die Grünen, die immer einen klaren Regierungs- und Gestaltungswillen benannt haben, müssten einer reinen Oppositionspartei den Vortritt lassen: Bei den Themenverhandlungen und bei den Ministerien. Rot-rot-grüne Koalition sind für die Grünen dann machbar, wenn sie selbst bei rund 14% stehen. Das ist das legitime Rollenverständnis und würde auch der Gewichtung innerhalb einer solchen Koalition bei den Wählerinnen und Wählern am nächsten kommen. Allein, die Zahlen geben es 2013 nicht her.

2. Die Sozialdemokratisierung der Grünen ist gescheitert.
Während die SPD Steuererhöhungen in ein Wahlprogramm schreiben kann, weil man ihr das inhaltlich abkauft und vor allem die eigenen Wählerinnen und Wähler nicht verschreckt, wildern die Grünen damit im ureigenstem Milieu. Die Grünen sind die Partei der Besserverdienenden und das ist gar nicht schlimm. Nur, dazu braucht es die Grünen der Mitte, die auch strukturkonservative Klientele bedienen. Eine rot-rot-grüne Koalition würde die Rückbesinnung auf grüne Kernthemen und die bürgerliche Mitte fast unmöglich machen und die Grünen für fast die Hälfte ihrer vormaligen Wählerinnen und Wähler unwählbar.

3. Schwarz-Grüne Machtoption.
Der schnelle Rücktritt der vormaligen Führungsriege der Grünen und die Töne, die jetzt einen neuen „Kurs der Mitte“ aus der Grünen-Fraktion heraus formulieren, machen eines klar: Zumindest als Option möchte man sich Schwarz-Grün nicht verbauen. Es ist überhaupt nicht sicher, ob die SPD einem Koalitionsvertrag mit der Union zustimmt, oder ob die Union sich überhaupt soweit nackig machen möchte, dass die lieben Genossinnen und Genossen einen Koalitionsvertrag überhaupt in Erwägung ziehen. Dann sind die Grünen am Zug und sie würden reden. Denn lieber Juniorpartner in der Regierung mit klarem Fokus Energiewende und damit endlich wieder eine Profilierung im Kernthema plus sich der bürgerlichen Mitte als wählbare Alternative zur FDP präsentieren: All das klingt deutlich besser als das Wagnis RotRotGrün.

Fazit.

Niemand, wirklich niemand in den drei Parteien, der sich ernsthaft damit strategisch beschäftigt, möchte unter diesen Vorzeichen eine RotRotGrüne-Koalition. Wenn diese jetzt scheitern sollte, weil all diese neun Vorraussetzung dagegen stehen, ist diese Machtoption für sehr, sehr lange Zeit weg. Das möchte auch wiederum keiner. Also gilt es jetzt: Linke Mehrheiten in den eigenen Parteien stabilisieren, Fallstricke ausräumen und frühzeitig zur nächsten Bundestagswahl als ein mögliches Ziel ausgeben. Die Zeit des Ausschließens ist vorbei, möchten alle drei Parteien eine linke Machtperspektive für die Zukunft.