140 Sekunden: Im Wahlkampf mit mir selbst.

Vor ein paar Wochen haben Mia Meyer und ich für ‚140 Sekunden‚ ein kleines Stück gedreht, warum ich meine Follower_innen und Facebook-Freund_innen während der Wahlkampfphasen so hart nerve. Die Antwort darauf hat es zwar nicht in den Film geschafft, aber zumindest oute ich mich als komplett irre.
Und ganz nebenbei lernt ihr auch noch das wunderbare ‚Slörm‘ und dessen Besitzer Stefan kennen (Prenzlauer Berg, Danziger Straße 53, 10437 Berlin), in dem ich mir jeden Morgen meinen Milchkaffee hole. Das solltet ihr auch tun.

(‚140 Sekunden‘ ist Teil vom großartigen ‚Elektrischen Reporter‘, den ihr auf ZDFinfo oder hier nachsehen könnt.)

Now fuck off.

Aber heute könnt ihr den Höllenritt buchen. Das Buch steht ab heute in den Buchläden (progressiv) oder kann hier bei amazon bestellt werden (konservativ). Amazon liefert ab Mittwoch aus.

Und weil es so schön war, hier noch ein bisschen Text aus dem Buch. Und ich kenne das Ende schon.

Mittwoch, 22.Juni 2005
Berlin, Kampa im WBH, SPD-Parteivorstand
Forsa-Umfrage:CDU/CSU: 49 Prozent, SPD: 26 Prozent

Man hat uns bei lebendigem Leib begraben. Wir klopfen,
rufen, ringen nach Luft und kratzen mit zersplissenen Fingernägeln an stumpfem Holz. Niemand hört uns. Unsere Kampagne wird für tot erklärt, bevor sie geboren wurde. Von den Menschen im Land, den eigenen Anhängern, der Presse und am schlimmsten noch – vom Gegner. Wir sind Geschichte. Trostloser als der Alexanderplatz, staubiger als das ZDF, toter als tot. 23 Prozent liegen zwischen uns und der Union, CDU/CSU hätten die absolute Mehrheit der Sitze und in elf Wochen wird gewählt.

Im Magazin der ›Süddeutschen‹ fragt man, ob die Nachfolgerin wohl etwas mit dem Baselitz im Kanzlerbüro anfangen könne. Sie diskutieren, welche Bilder sie aufhängen wird – nicht, ob sie überhaupt reinkommt. Das ist gesetzt. Vielleicht lassen sie die Leser auch noch abstimmen, welches Kleidchen sie beim Einzug tragen soll. Wir, so viel steht für alle fest, sind raus aus dem Spiel.

Aber noch haben wir das Kanzleramt.
Und wir sind nicht irgendwer.
Wir sind die besten Wahlkämpfer im Land.
Uns jagt man nicht vom Hof.
Uns ignoriert man nicht.
Wir haben zehn Wochen.
Wir haben 26 Millionen.
Und wir haben IHN.
Die größte Rampensau der Republik,
bis zur Halskrause voll mit Testosteron.

Now fuck off

Ein Monat zuvor
Sonntag, 22.Mai 2005,Düsseldorf, Staatskanzlei
Wahltag in NRW:CDU: 44,8 Prozent, SPD: 37,1 Prozent

Wir haben NRW verloren. Nach fast vierzig Jahren. Im Düsseldorfer Stadttor, dem gläsernen Palast, in dessen oberen Stockwerken der Ministerpräsident das Landes Nordrhein-Westfalen residiert, verlieren sich die letzten Getreuen. Der Blick aus der Staatskanzlei ist großartig. Über die Uferpromenade, die Altstadt, hinaus nach Oberkassel und auf die Ausflugsdampfer auf dem Rhein. Heute fliegen wir hier raus. Ich hasse es zu verlieren. Es tut mir nicht weh, es tut mir nicht leid, es ist nicht schade oder einfach nur scheiße. Nein, ich hasse es aus ganzem Herzen und mit meinem ganzen Körper, der sich mit Hautausschlägen solidarisiert. Dennoch ziehe ich in Schlachten, die nicht zu gewinnen sind. Das war eine davon. Aber schließlich ging es um NRW und da kneift man nicht. Um die Bedeutung von NRW für die Politik zu verstehen, muss man die Bedeutung dieses Bundeslandes für die Republik verstehen. Es ist das Bundesland der Superlative. Ein Staat im Staat. Fast 18 Millionen Einwohner, Heimat für 10 von 30 DAX-Konzernen, 29 von 80 deutschen Großstädten, ein Bruttoinlandsprodukt, das NRW alleine in die Top 20 der größten Wirtschaftsnationen der Welt katapultiert – noch vor Schweden, Polen oder Argentinien. Bayer, Deutsche Post AG, Deutsche Telekom, E.ON, Metro, REWE, RWE oder auch die deutschen Zentralen von BP, 3M, Ford, LG und Vodafone und viele mehr sorgen für 22 Prozent der deutschen Wirtschaftskraft – den Rest teilen sich die anderen 15 Bundesländer. Die Schlacht um NRW ist die größte Schlacht zwischen zwei Bundestagswahlen.

Wir haben sie verloren, zum ersten Mal seit 39 Jahren und noch nicht einmal knapp. Die Stimmung oben im Glaspalast ist ruhig, gefasst und gespenstisch. Natürlich waren wir alle vorbereitet gewesen, irgendwie. Aber als gegen 16:30 die ersten Zahlen durchsickern, war das doch etwas anderes. Ministerpräsident Peer Steinbrück schüttelt Hände, ich murmele irgendwas in der Richtung von »an dir hat es nicht gelegen«, er murmelt etwas Ähnliches zurück. Dann zieht er sich zurück, um sich vor dem Interviewmarathon noch ein bisschen sammeln zu können. Wir haben einen harten Kampf geliefert, aber es hat nicht gereicht. Mehr war einfach nicht drin gewesen. Jetzt heißt es für die gesamte Führungsetage: Schreibtisch räumen. Aber zuvor müssen noch die quälenden Tage bis zum Einzug der Nachfolger überstanden werden. Dead men walking. Gestern noch die Top Player im größten Bundesland, morgen nahezu bedeutungslos. Demokratie ist eine tolle Sache. Wenn man zu denen gehört, die einziehen.

Mein Weg führt jetzt zur Wahlparty der NRW-SPD im Apollo-Theater unter der Rheinkniebrücke. Dort ist auch schon durchgesickert, dass es nichts zu feiern gibt. Mit schalem Bier, schlechter Laune und kalten Würstchen sacke ich in roten Plüsch. 2005 ist das Jahr, das ich nicht brauchte. Mein Vater ist vor acht Wochen an einem Hirntumor gestorben. Fast zwei Jahre hatte der Kampf angedauert mit Höhen und Tiefen, Hoffnung und Verzweiflung. Der Anruf meiner Schwester Susanne erreichte mich mitten im Schnitt des Steinbrück-TV-Spots. Die 300 Kilometer nach Hause schaffte ich nicht mehr rechtzeitig. Als ich im Krankenhaus eintraf, gab meine Mutter Papa gerade den letzten Kuss. »Er ist so kalt wie nach einem Tag auf Skiern, wenn er in die Stube kam und mich küsste«, sagte sie noch. Dann machten wir uns auf den Weg in unser Haus ohne Hüter.

Das kommt mir gerade jetzt in den Sinn. Eine Kamera filmt mich und den Rest des Abends werde ich als »enttäuschter
SPD-Wahlkämpfer« mit meinem resignierten Gesicht Sendeminuten füllen. Ausgerechnet ich, der immer auf die leeren Gesichter an Wahlabenden geschimpft hat. Wenn man verliert, zeigt man es nicht. Nach der Wahl ist vor der Wahl, und wenn man schon sonst nichts hat, dann wenigstens seinen Stolz. Um 18:28 erklärt der Parteivorsitzende der SPD, Franz Müntefering, dass Bundeskanzler Gerhard Schröder Neuwahlen zum Deutschen Bundestag anstreben wird.

Ich dachte, es sei der schwärzeste Tag meines Lebens. Aber ich war noch jung.

Dienstag, 24.Mai,10:00 Uhr
Berlin,WBH, SPD-Parteivorstand

Der gläserne Doppelaufzug im Willy-Brandt-Haus ist der letzte Ruhepol in einer immer hektischeren Zeit. Er ist, wahrscheinlich mit Stolz, der langsamste Aufzug der Welt. Wer nicht unbedingt in den sechsten Stock will, nimmt besser die Treppe, wenn er heute noch was zu erledigen hat. Es ist der Dienstag nach der NRW-Wahl und ich sitze im Büro von Kajo Wasserhövel, dem Bundesgeschäftsführer der SPD. Er hatte noch am Sonntag bei mir angerufen und nun sprechen wir gemeinsam mit seiner Vertrauten Svenja Hinrichs darüber, wie man mit diesem Wahlkampf umgeht, den es vor 48 Stunden noch nicht gab.
Tatsächlich sprechen wir über eine Wahl, von der noch nicht einmal feststeht, ob sie stattfinden wird. Ein amtierender Bundeskanzler mit einer parlamentarischen Mehrheit will Neuwahlen. Dem müssen am 1. Juli erst der Deutsche Bundestag, dann das Bundesverfassungsgericht und schließlich der ebenso unerfahrene wie überraschte Bundespräsident zustimmen. Das bedeutet auch, dass in einer politisch hoch aufgeladenen Zeit »offiziell« kein Wahlkampf gemacht werden kann, da die SPD als Regierungspartei natürlich die Entscheidungen der Verfassungsorgane abwarten muss – alles andere wäre respektlos. Oder würde sogar Ablehnung provozieren.

Dennoch: Wir gehen davon aus, dass spätestens im September gewählt wird.

Aber wer um Himmels willen sollte einen Bundeskanzler wählen, der dem Volk soeben seinen Rücktritt eingereicht hat?
Wird er überhaupt antreten? Und wie reagiert die Basis darauf, die man für einen Wahlkampf braucht? Also die hunderttausende freiwilligen Helfer, die eine Kampagne überhaupt erst auf die Straße bringen.

Hier könnt ihr die Leseprobe als *.pdf herunterladen.

This is the beginning.

Es war ein schöner Freitagabend im letzten Oktober, an dem ich schweigend in einem kleinem Büro im Willy-Brandt-Haus saß. Soeben wurde mir erklärt, was die SPD für den Wahlkampf 2013 plant und ich war beeindruckt. Endlich wollte die SPD das, was sie schon 2009 aus dem Obama-Wahlkampf lernen hätte können:
Die Online-Organisation aller Aktivitäten, Aktionen und vor allem eines echten Tür-zu-Tür-Wahlkampfs.

Die Idee: Zwei Plattformen – eine interne, die alle hauptamtlichen Wahlkämpfer/innen bundesweit untereinander vernetzt und auf der alle miteinander auf Augenhöhe kommunizieren, diskutieren, Materialien und vor allem Ideen und Erfahrungen austauschen sollen – hierarchiefrei und permanent. Und eine zweite Plattform, auf der sich alle Menschen anmelden können, die es wollen. Einfach nur mit der Emailadresse und der eigenen Postleitzahl. Zu diesen beiden Ideen gab es jeweils zwei Seiten DinA4 aufgeschrieben.

Ich lehnte mich zurück im Stuhl und war wirklich begeistert. Wir parlierten so eine Weile hin und her, ich gab meine ersten Ideen, Einschätzungen über mögliche Zeiträume und zu erwartende Aufwände wieder, nicht ohne auch gleich hinterher zu schieben: Freunde, ich mache das nicht. Auf gar keinen Fall. Much too big.

Dann war die Hälfte der Gesprächszeit um und ich weiß bis heute nicht, was in der zweiten Hälfte geschehen ist, was die beiden anderen Anwesenden in der Zeit mit mir gemacht haben, aber am nächsten Tag began ich das erste Grobkonzept zu schreiben.

Jetzt haben wir Mitte April. Sechs Monate, in denen nicht nur meine Haare grauer wurden und die Augenringe tiefer, sondern auch sechs Monate, in dem ich nicht nur mit einem fantastischen Team die Dinger stemmen konnte. Dennis Hantke, der als Technischer Projektleiter alles wegrockte, was in den Weg rollte und 3PC, die eine großartige Agenturleistung bei der Realisierung hingelegt haben. Interessiert, klug, lösungsorientiert, vorausschauend, schnell. Und mein Backoffice, in dem Hans-Gerd und Guido sicher nicht nur einmal in die Tischkante bissen, wenn ich wieder irgendwas Wichtiges irgendwie nicht so wichtig fand und mir trotzdem immer den Rücken freihielten. Was für ein Team! Das sich das in dieser kurzen Zeit auf diese Art und Weise zusammengefügt hat, war sicher eine der glücklichen und wichtigen Fügungen des gesamten Projekts.

Neben dem gesamten technischen Gedöns war eine andere Herausforderung, von SPD Gewünschtes mit von uns Konzipiertes in Einklang zu bringen und sich gegenseitig wieder einzufangen, wenn zu viel Luft unter die Flügeln kam oder zu bestärken, wenn auf der Strecke mal die Knie weich wurden. Das war vor allem mein Job und fast immer habe ich das auch gern gemacht.

Der SPD-Claim im Wahljahr lautet „Das Wir entscheidet.“ Das kann man finden, wie man Geschmack eben findet. Und was die einen Expert/innen sagen, wird sogleich von anderen widerlegt werden. Für mich ist eines wichtig: Mit diesen beiden Plattformen wird dieser Claim mit Inhalt unterfüttert. Er ist Anspruch, der sich durch das SPD-Wahlprogramm zieht und durch den gesamten Wahlkampf. Eben nicht Top-Down, sondern im Vertrauen auf die Mobilisierungsfähigkeit der Parteimitglieder und verbunden mit der Einladung an alle, ein prägender Teil der gesamten Kampagne zu sein.

Diese Offenheit ist ein erster wichtiger und so nachhaltiger Schritt für die SPD, zu der Partei, die ich mir wünsche – die ich von der SPD erwarte zu sein.

Insbesondere nachhaltig deshalb, weil beide Plattformen eben nicht nur für den Wahlkampf da sind – sie werden auch über den 22. September hinaus genutzt werden. Sie sind Opensource, gehören vollständig der SPD, sind modular aufgebaut, deshalb einfach erweiterbar und werden permanent weiterentwickelt. Das greift tief in die Parteiorganisation ein und die Verantwortlichen im Willy-Brandt-Haus gehen bewusst diesen Schritt.

Heute ist die erste der beiden Plattformen: mitmachen.spd.de online gegangen. Die zweite folgt dann auf dem Fuße.

Es ist bis hier hin geschafft. Jetzt muss die Partei das alles mit Leben füllen und so viele Menschen wie möglich außerhalb der eigenen Parteistrukturen finden, dabei zu helfen.

In diesem Sinne, ihr seid alle eingeladen mitzumachen auf:

mitmachen.spd.de

Für mich geht die Reise weiter. Ab morgen sitze ich selbst im Willy-Brandt-Haus und unterstütze dort die Mannschaft konzeptionell und kreativ im Onlinewahlkampf.

Das Wir entscheidet. Nur so kann es gehen. Rock’n’Roll!

Leseprobe: Frank Stauss "Höllenritt Wahlkampf – Ein Insiderbericht"

Bei mir ist es fast schon wieder soweit. Ich fahre langsam an. Wird ja auch Zeit. Wahlkampf! Besser als alles. Zumindest, besser als alles, was man als Kommunikationstyp sonst machen kann. Aber klar, man ist schon eine besondere Art von Mensch, wenn man das geil findet. So ein Mensch ist Frank Stauss und der hat ja ein Buch geschrieben. (Hatte ich hier schon angekündigt). Jetzt gibt´s eine kleine Leseprobe und gleich auf den ersten Seiten wird klar, dass wir hier deutlich anderes erwarten können, als das halbgare Expertengeseier von weißhaarigen Männern in Talkshows, die sich an zwei Wahlkämpfen beratend beteiligten und auch noch beide beratend verloren. Keine Ahnung, wen ich meine. Also, hier die Leseprobe:

Und hier könnt ihr noch das PDF (direkt) downloaden

(Bei Wunsch: Hier vorbestellen.)

So, und in den nächsten Wochen werde ich recht kurzfristig auf 10/10 hochschalten. Aus Gründen. Ich freue mich drauf.

ES IST WAHLKAMPF!

Als ich damals ganz unbedarft mit Anfang 20 in die Werbung gekommen bin und gleich auf dem Etat eines großen Wolfsburger Automobil-Konzern arbeiten durfte, wurde mir immer gesagt: „Willkommen in der Königsklasse!“
Autos waren die Goldetats der Agenturen, aber das ist Bullshit. Autowerbung ist nicht die Königsklasse. Autowerbung ist der glänzende Showroom, in dem das aufregendste der Staubfeudel ist, mit dem einmal am Tag Hochglanz simuliert wird.
Das ist alles Kindergeburtstag! Alles Kinkerlitzchen, Topfschlagen, Klingelstreich und Schokoriegel klauen im Vergleich zum wahren kommunikativen Endgegner: Dem Wahlkampf.

Mitte 2008 wurde ich Frank Stauss vorgestellt und kurz darauf saß ich ihm in der SPD-Wahlkampfzentrale 2009 gegenüber, als Texter seiner Agentur „Butter“. Nicht wissend, dass nunmehr die bisher intensivsten 1,5 Jahre meines Lebens folgen sollten.

An manchen Tagen möchtest du alles hinschmeißen, „Fuck off“ an die Wand sprühen, nach Hause gehen und endlich was Vernünftiges machen. Und an all den anderen Tagen weißt du, dass du in dieser Branche nie mehr Spaß und Leidenschaft erleben wirst, als gerade in diesem Moment.

Frank Stauss hat mir in dieser Zeit viel beigebracht.
Das Meiste, was ich über Wahlkampfführung und -strategie weiß.

Zeit, dass das zwischen zwei Buchdeckeln gepresst wird. Hat er jetzt endlich gemacht. Und wer die Stausssche Sprachgewalt kennt, wird ahnen, was da einen erwartet. Und die, die sie nicht kennen, sollten schon mal die Hutschnur enger ziehen.

Anfang Mai erscheint das Machwerk. Geht davon aus, dass ihr bis dahin noch einiges darüber hören werdet.

Peer Steinbrück, die Sprache und 99 Fragen.

Es wurde viel gesagt: In Interviews und über Interviews.

Fakt sind: Zwei umstrittende Äußerungen.

1. Behauptung:
Peer Steinbrück möchte, dass KanzlerInnen mehr Geld verdienen.
Hier dazu der betreffende Interviewabschnitt:

„Gerhard Schröder wollte nach dem Ende seiner Kanzlerschaft mal richtig Geld verdienen. Hatten Sie nach dem Ende Ihrer Ministerzeit auch so ein Gefühl?

Nein. Dieses Gefühl gab es nie. Im Übrigen finde ich allerdings, dass manche Debatte über die Bezahlung unserer Abgeordneten bis hin zur Spitze der Bundesregierung sehr schief ist. Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin. Abgeordnete des Bundestags arbeiten fast sieben Tage die Woche, durchschnittlich zwölf bis 13 Stunden. Sie sind gemessen an ihrer Leistung nicht überbezahlt. Manche Debatte, die unsere Tugendwächter führen, ist grotesk und schadet dem politischen Engagement.

Verdient die Kanzlerin zu wenig?

Ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin verdient in Deutschland zu wenig – gemessen an der Leistung, die sie oder er erbringen muss und im Verhältnis zu anderen Tätigkeiten mit weit weniger Verantwortung und viel größerem Gehalt.

Ist es nicht so, dass in der Wirtschaft zu viel und nicht in der Politik zu wenig verdient wird?

In der Wirtschaft werden Managergehälter in der Regel privatrechtlich ausgehandelt. Da hat die Politik nichts zu suchen. Die Politik kann höchstens Sorge dafür tragen, dass durch Steuern einiges abgeschöpft wird von den exorbitanten Gehältern, die teilweise gezahlt werden, oder diese nicht als Betriebsausgaben voll absetzbar sind.“

2. Behauptung:
Peer Steinbrück unterstellt Angela Merkel einen Frauenbonus.

„Angela Merkel ist beliebt, weil sie einen Frauenbonus hat. Die weiblichen Wähler erkennen in hohem Maße an, dass sie sich in ihrer Partei, aber auch jenseits davon, besonders in Europa, seit langem durchsetzt. Das ist nicht mein Nachteil, sondern ihr Vorteil.“

Nahezu alle Journalisten wolltenhaben überlesen, dass sich der „Frauenbonus“ auf einen vermeintlichen Bonus bezieht, den Angela Merkel bei den Frauen hat und nicht etwa, weil Angela Merkel eine Frau ist.

In nachrichtenarmer Zeit, mit urlaubsausgedünnten, notbesetzten Redaktionen reicht ein Interview, um zwei Tage lang unterschiedliche Überschriften zu produzieren. Auch wenn nach intensiver eigenen Lektüre nichts von „Mehr Geld für Kanzler“-Interpretation übrig bleibt und vor allem nichts vom Vorwurf des Frauenbonus. Beispielhaft SPIEGEL ONLINE vom 29.12.: „Steinbrück beklagt sich über geringes Kanzler-Gehalt“ und SPIEGEL ONLINE vom 30.12.: „Merkel hat einen Frauenbonus

Es wäre ein leichtes zu unterstellen, ich betriebe Medienschelte.
Es ist aber ebenso leicht zu unterstellen, die Medien betrieben Steinbrückschelte.

Ich erwarte mehr von beiden Seiten: Vom Kanzlerkandidaten (und seinem Team) und von den Medien, vor allem von solchen, die sich einmal als „Sturmgeschütz der Demokratie“ bezeichneten.

Und ich erwarte, dass man das gesamte Interview liest und nicht nur Klicklieferant für Boulevardpostillen ist.

Und wenn man das getan hat, kann man sich das obige Video mit Peer Steinbrück anschauen. Wer, wie Moritz von Uslar, den „Maschinengewehr-Steinbrück“ erwartet, bekommt ihn dort geliefert.

Achso, und dann noch dieser Fakt:
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